Ursachen und Wirkungen werden vertauscht

Dr. Spieler zu Killerspielen
Die Mehrheit der Deutschen ist für ein "Killerspiel"-Verbot, wie das Institut für Demoskopie, Allensbach (1) in einem Umfrageergebnis jüngst belegt haben will. Doch was sind eigentlich Killerspiele? Ab welchem Grad ist die Darstellung von Gewalt jugendgefährdend? Wie unterscheidet sich die Wirkung von Gewalttaten in Film & Fernsehen von der in Computerspielen? Womit kann man dem Problem jugendgefährdender Games in einer globalisierten Welt begegnen? Der Geschäftsführer der USK (2) (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle), Dr. Klaus Spieler, hat Antworten.

Die USK ist 1994 als Anlaufstelle für Eltern und Pädagogen in Berlin entstanden. Das freiwillige Projekt des VUD (Verband der Unterhaltungssoftware Deutschland) veranstaltete Beratungsaktionen in Kaufhäusern und orientierte sich eng am FSK (3) (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft) -Verfahren, um es für interaktive Unterhaltungssoftware zu adaptieren.


Die Landesregierung, bzw. der Berliner Senat, sowie der Handel, damals besonders starke Kaufhäuser wie Karstadt, unterstützten die Organisation: 2003 nahm Karstadt nur noch USK-geprüfte Titel ins Sortiment auf. Das führte zu einer Novelle im Jugendschutzgesetz, die die Verbindlichkeit einer Alterskennzeichnung für Spiele in Deutschland vorschrieb.

Die USK hat derzeit sechs Mitarbeiter, die als Logistik von zwei professionellen Jugendmedienschutzgutachtern pro Bundesland und vielen ehrenamtlichen Testern fungiert. Achtmal im Jahr sind die Gutachter verpflichtet an Schulungen teilzunehmen, die der Abstimmung von Kriterien der Bundesprüfstelle, zum Erfahrungsaustausch, zur Information über Trends in der Spieleentwicklung etc. dienen. Fünfköpfige Prüfgremien um einen ständigen Vertreter der Landesbehörden werden von der USK in die Lage versetzt, gutachterliche Entscheidungen zu treffen.

Geprüft werden spielfähige Beta-Versionen. Der Hersteller dieser nahezu verkaufsfertigen Programme muss sich verpflichten, etwaige Änderungen erneut zum Test vorzulegen. Das nach festen Regeln der Alterskennzeichen (ohne Altersbeschränkung, ab 6, ab 12, ab 16 Jahren, keine Jugendfreigabe) erstellte Prüfergebnis des Gremiums wird als Bündel aus Beta, schriftlicher Spielbeschreibung, Dokumentation des Tests sowie der letztlich erschienenen Endversion archiviert. Zur Indizierung, also dem Verbot der Weiterverbreitung eines Mediums, ist nur die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, BPjM (4) berechtigt.

Ab welchem Grad muss Gewalt verboten werden?

Dr. Klaus Spieler: Gewalt muss immer im Kontext bewertet werden. Sind Gewaltdarstellungen nur beeinträchtigend, wird zwischen 16 (Jahre) und keine Jugendfreigabe unterschieden. In Ausnahmefällen, in denen das Fantastische, Märchenhafte erkennbar ist, also z.B. bei Star Wars, kann das Kennzeichen 12 (Jahre) sein. Jugendgefährdende Darstellung von Gewalt kriegt keine Alterskennzeichnung, weil sie möglicherweise indiziert werden könnte. Also: Jugendgefährdende Medien sind zu indizieren.

Woraus sind die Kriterien der Alterseinstufung entstanden?

Dr. Klaus Spieler: Langjährige Diskussionen der Jugendschützer - sicher auch mit Wirkungsforschern, Psychologen und Pädagogen - haben dies herausgestellt. Da es keine exakten Ergebnisse von Wirkungsforschungen gibt, geht es beim Jugendschutz nicht nur um wissenschaftlich belegte Dinge. Der Jugendschutz hat das Recht auf Wirkungsvermutungen hin zu entscheiden: Wenn das Gremium mehrheitlich vermutet, gilt ein Spiel als jugendgefährdend.

Wo liegt der Unterschied zwischen den Kriterien der USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle) und der FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft)?

Dr. Klaus Spieler: Es ist ein Unterschied, ob man sich etwas ansieht oder aktiv ausübt. Nehmen sie als Beispiel die virtuelle Welt von "Second Life" (5). Man steuert eine Figur, für deren ethisches Verhalten man verantwortlich ist. Wenn ich in dieser Second Life-Welt "leben" will, muss ich ehrlich sein, Verabredungen einhalten und darf nicht als Rowdie auftreten.

Wie im wahren Leben: In dem Ausmaß, in dem man größere Handlungsfähigkeit hat, ist man auch ethisch stärker verantwortlich. Der Mensch, der einen Film guckt, sieht, was ihm der Regisseur zeigt, während der spielende Mensch Darstellungen, die in der Software stecken, selber hervorbringt. Deshalb finde ich die Diskussion über die ethische Verantwortung im Ego-Shooter nicht abwegig.

Wir müssen eine Beziehung zwischen dem, der spielt, und dem Spiel beurteilen

Interaktivität ist also der wichtige Unterschied zum passiven Filmkonsum?

Dr. Klaus Spieler: Das merkt man besonders bei der Problematik von "offenen Spielen". Bei "GTA San Andreas" (6) müssen sie nicht alle möglichen Gräueltaten begehen, um zum Ziel zu kommen. Aber sie können es! Wir als Prüfer haben keinen linearen Ablauf, der wie im Film angeschaut und am Ende beurteilt wird, sondern wir müssen im Prinzip eine Beziehung zwischen dem, der spielt und dem Spiel beurteilen. Also: Man muss z.B. sehen, ob der Spieler den Ablauf erzeugt oder ob es ein Automatismus ist.


GTA San Andreas: Cool, cooler, GTA: "Grand Theft Auto: San Andreas" ist ein "offenes Spiel". Dem Spieler liegt eine riesige Großstadt zu Füßen, die er frei von vorgegebenen Wegen bereisen kann. Neben der Reihenfolge an Aufgaben, die zu lösen sind, bestimmt er u. a. auch die Härte seiner Vorgehensweise.

Warum kommt es nach Verbrechen von Jugendlichen ohne große Umschweife zu Verbotsforderungen von Computerspielen?

Dr. Klaus Spieler: Solche Taten werden eigentlich immer im Zeitgeist inszeniert. In Goethes Zeit hatte man auch eine Verbotsdiskussion. Damals war man der Meinung, Goethes Buch "Die Leiden des jungen Werthers" stifte junge Männer zum Selbstmord an. Der Zusammenhang ist, dass die Delinquenten aus dem Zeitgeist entsprechende Elemente entnehmen, z.B. auch dass sie bei der Tat etwas Bestimmtes aus dem Bereich Film oder Musik anziehen.

Doch ich denke, dass eine monokausale Erklärung nicht möglich ist. Derjenige, der einen Zusammenhang zwischen dem Spiel Counter Strike und der Tatsache, dass jemand Amok läuft herstellt, müsste eigentlich viel zu viele verdächtigen, die nicht auf die Idee kommen. Wer Erklärungen sucht, muss auf andere soziale und sonstige Faktoren zurückgreifen. Die Öffentlichkeit nimmt aber die Erklärungen, die am plausibelsten sind. Deswegen redet man bei Killerspielen von Counter Strike, obwohl das eigentlich kein gutes Beispiel ist. Der Titel ist jedoch Metapher geworden.

Gewaltdarstellung und ihre breite Schilderung werden dann zur Straftat, wenn sie junge Menschen dazu verführen, Spaß daran zu haben anderen Leid zuzufügen

Was sind denn richtige Killerspiele, abgesehen von kriegerisch inszenierten Versteckspiel-Varianten wie Paintball?

Dr. Klaus Spieler: Alle Spiele, in denen man auf andere schießt, wobei man den Begriff Killerspiele eigentlich nicht braucht. Wir haben genug Begrifflichkeiten, im Strafrecht wie im Jugendschutz, die den Sachverhalt, der gemeint ist, präziser bezeichnen. Paragraph 131 (7) schützt ja nicht vor Darstellungen von Gewalt, sondern er schützt ein Verfassungsgut, nämlich die Menschenwürde. Das heißt Gewaltdarstellung und ihre breite Schilderung werden dann zur Straftat, wenn sie junge Menschen dazu verführen, Spaß daran zu haben anderen Leid zuzufügen.

Das ist eine wichtige Abgrenzung, die man mit dem Begriff Killerspiel nicht hinkriegt. Damit könnte man auch die Schießscheibe auf dem Polizeischießstand meinen, wo auch schon mal ein Foto angeklebt wird.

Was will man denn dann schützen?

Dr. Klaus Spieler: Ich möchte nicht, dass jüngere und vielleicht auch ältere Leute ein Spiel spielen, in dem sie jemandem Schmerz zufügen und sehen, wie er die Schmerzen empfindet. Also ihm in den Bauch schießen und er krümmt sich, dann noch ins Knie und er schreit - da wäre ein Verbot völlig richtig, weil eine Grenze überschritten wird. Mit dem Begriff Killerspiel verharmlose ich das Thema eher, als dass ich es benenne.

Agatha Christie hat sich in ihren Romanen z.B. neben den tausendundeins verschiedenen Arten jemandem das Leben zu nehmen, noch die tausend und zweite ausgedacht. Diese Kriminalgeschichten werden auch in Schulen aufgeführt. Niemand käme auf die Idee, dass der Schüler, der den Mörder spielt und die Schülerin, die die Ermordete spielt, real etwas mit Mord zu tun hätten oder Killer wären. Damit etwas ein Spiel wird, bei dem man sich über Verbote unterhält, muss eine bestimmte, nämlich negative ethische Qualität hinzukommen.

Wir haben ein Kontrolldefizit

Es ist nachgewiesen, dass mehr als Dreiviertel der deutschen Bevölkerung keine Computerspiele spielt. Dennoch sind statistisch mehr als 60% für ein Verbot von Killerspielen. Wird derzeit nicht von politischer Seite Stimmung gegen etwas Fremdes gemacht, bzw. gegen etwas, das die Leute gar nicht kennen?

Dr. Klaus Spieler: Das ist auch gleich die eigentliche Erklärung; wir haben ein Kontrolldefizit. Damit das nicht ironisch auffasst wird: Als Vater und Mutter ist ein Kontrolldefizit etwas sehr Unangenehmes. Man stelle sich vor, das Lesen wäre gerade erfunden worden. Kinder könnten lesen, Erwachsene nicht. Wie gucken dann die Eltern auf das Kind, das liest und was machen sie, wenn ab und zu ein Guru kommt und ihnen ein paar obszöne Stellen vorliest? - Sie reagieren entsetzt.

Im Moment haben wir diesen Zustand - ähnlich wie bei Handy und Internet -, dass Erwachsene ihr Kontrolldefizit sehen und sich Sorgen machen: Wie überzeugen wir uns davon, dass das den Kindern nicht schadet? Für die Gesellschaft ist es ein schwieriger Vorgang zu begreifen, dass es mit Verboten nicht geht - sie selbst muss sich Mühe geben! Doch wenn der Arzt einen vor die Wahl stellt, das Leben zu ändern oder jeden Tag eine Pille zu schlucken, dann schluckt man lieber die Pille - einmal entscheiden und alles ist gut.

Warum gibt es nur unzureichende wissenschaftliche Untersuchung auf dem Gebiet der Wirkung von Computerspielen?

Dr. Klaus Spieler: Wegen methodologischer Schwierigkeiten. Derzeitige Studien messen kurzfristige Wirkungen. Das Problem ist, dass kurzfristige Wirkungen meistens gewollt sind. Deshalb geht man in einen Krimi oder einen Liebesfilm - nicht um Verbrecher, noch um Don Juan zu werden, sondern um sich über einen kurzfristigen Zeitpunkt eine bestimmte Wirkung zu verschaffen.

Das Problem der Wirkungsforschung ist, dass sie für Jugendschutz zu wenig hergibt

Wie grenzt man kurzfristige Wirkungen von längerfristigen ab?

Dr. Klaus Spieler: Ein besserer Zugang wäre zu fragen: Gibt es die Wahrscheinlichkeit, dass bestimmte Typen lieber in einen Krimi gehen und andere lieber in einen Liebesfilm? Ein Forschungsprojekt der FU Berlin hat festgestellt, dass sich Menschen mit einer bestimmten Persönlichkeitsstruktur für bestimmte Spiele entscheiden.

Wenn ich aber wie Professor Pfeiffer (prominenter Kriminologieexperte, der, gemeinsam mit Bayerns Innenminister Günther Beckstein, die USK harsch kritisiert (8); Anm. d. Autors) mir Leute vornehme, die einen bestimmten sozialen und kulturellen Hintergrund haben, dann stelle ich fest, dass diese andere Spiele spielen als bürgerliche Existenzen. Die Unsauberkeit besteht darin, dass ich hier relativ flott Ursachen und Wirkungen vertausche. Das, was Herr Pfeiffer Medienverwahrlosung nennt, vollzieht sich in einem Kontext von Familienverwahrlosung. Also: Das Kind spielt den ganzen Tag in seinem Spielzimmer was es will; die Eltern kümmern sich nicht drum, weil sie lieber einen trinken.

Jetzt ist die große Frage: Was ist das Huhn und was ist das Ei? Meiner Meinung ist es viel wahrscheinlicher zu sagen, die Familienverwahrlosung ist die Ursache für Medienverwahrlosung - umgekehrt halte ich es für schwieriger. Das Problem der Wirkungsforschung ist, dass sie für Jugendschutz zu wenig hergibt. Deshalb haben wir dieses gesetzlich anerkannte System in Deutschland, das der Gesellschaft im Fall des Jugendschutzes das Recht auf Vermutungen zuspricht. Wenn sie z.B. Vater eines Kindes sind, haben sie das Recht zu sagen: Es ist mir egal, ob ich beweisen kann, dass ich Recht habe; ich möchte es nicht! Und die Gesellschaft hat im Jugendschutzbereich das Recht, sich ähnlich zu verhalten. Es ist ein Verständigungsvorgang, den wir im Moment erleben.

Das deutsche System der Alterseinstufung zählt bereits seit Jahren zu den strengsten weltweit. Übers Internet werden Killerspiele international vertrieben - auch nach Deutschland. Wie sollte unsere Gesellschaft dem Problem eines möglichen Zusammenhangs gewalttätiger Spiele und realer Gewalttaten gestörter Jugendlicher am besten begegnen?

Dr. Klaus Spieler: Wir müssen eine kulturelle Kontrolle erreichen. Das heißt mit dem Medium Computerspiel so umzugehen lernen, wie man heute mit den älteren Medien umgehen kann. Ein Buch z.B. können die Eltern selbst in die Hand nehmen und den Kindern raten - nicht verbieten! - ein anderes Buch zu lesen. Das ist ein Teil von dem, was ich mit kultureller Kontrolle meine. Die Gesellschaft hat ihre Arten Geschmacklosigkeiten festzustellen und zu ahnden.

Sie kann Formen entwickeln, in denen sie sich öffentlich nicht nur über die ethische, sondern über die gesamte Qualität von Computerspielen verständigt. Das Problem ist doch, dass wir hier über eine Subkultur reden. Und die Kulturvermittler halten sich dieses Thema vom Halse. Wie sollen da Qualitätsmaßstäbe entstehen?!

Ist der Beginn einer europaweiten Diskussion ein Schritt zu neuen Maßstäben?

Man muss sich nicht die Illusion machen, dass man Jugendschutz in Europa in irgendeiner Form standardisieren kann. Das hat etwas mit Nationalkultur tun und mit dem, was die jeweilige Kultur für Schützenswert hält. Die einen schützen Kinder von Skatspielen, die anderen vor Kriegsverherrlichung und die dritten vor Sex und schmutzigen Worten - und die Unterschiede sind ziemlich breit, da braucht man bloß mal PEGI (9) mit der USK vergleichen. So wie ich die EU verstanden habe, will sie dass Jugendschutz in allen Ländern ernst genommen wird, aber in jedem Land nach seinen Regeln.

Artikel von Mark Lederer, gefunden auf der Seite http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24475/1.html vom 23.01.2007

Links

(1) http://www.ifd-allensbach.de/
(2) http://www.usk.de/
(3) http://www.spio.de/index.asp?SeitID=2
(4) http://www.bundespruefstelle.de/
(5) http://secondlife.com/world/de/
(6) http://www.sanandreas.de/
(7) http://dejure.org/gesetze/StGB/131.html
(8) http://www.heise.de/newsticker/meldung/82894
(9) http://www.pegi.info/pegi/index.do
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Aufgepasst! Warum auch Erzieherinnen eine akademische Ausbildung brauchen

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von Jeannette Otto – Quelle: „DIE ZEIT“ Nr. 28, 6. Juli 2006 – Seite 84
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Professor Stefan Sell erlebt gerade die »anstrengendste Phase« seines Hochschullebens. Er bildet an der Fachhochschule Koblenz Erzieherinnen und Erzieher in einem berufsbegleitenden Studiengang zu Kita-Managern weiter. Direkt aus den Kindergärten kommen seine Studenten in die Hörsäle. Neugierig und wissensdurstig, aber mit einiger Skepsis hören sie sich an, was ihnen der Professor aus dem Reich der Wissenschaften mitzuteilen hat. Und sobald sie merken, dass seine Theorien in ihrer täglichen Praxis nicht umzusetzen sind, protestieren sie. Geht es etwa um das Beobachten von Kindern, das Dokumentieren bestimmter Begabungen oder Auffälligkeiten und das Aufspüren individueller Bildungsbedürfnisse, hört Stefan Sell: Wie soll das funktionieren – in einer Gruppe mit 25 Kindern, oft allein? Den Professor schrecken solche Zurufe aus der Wirklichkeit nicht. Er versteht sie als Warnung, die neuen Studiengänge nicht wieder zu theorielastig zu gestalten. Sell denkt dabei an »Fehler der Vergangenheit«, vor allem in der Lehrerausbildung, die auf den Alltag in den Schulen kaum vorbereitete.
Es tut sich etwas. Der Vorwurf, nirgendwo in Europa würden Erzieherinnen so schlecht ausgebildet wie in Deutschland und Österreich, saß tief. Während in Staaten wie Italien, Finnland und Schweden die Fachkräfte für die Kleinsten ganz selbstverständlich Universitäten besuchen, wurden und werden sie hierzulande mit oft schlechten Abschlusszeugnissen auf Fachschulen geschickt und zu Allround-Experten fürs Soziale ausgebildet. Das Thema frühe Kindheit hat dabei meist den gleichen Stellenwert wie die Arbeit im Heim für schwer erziehbare Jugendliche. In kaum einem anderen Land hat der Beruf ein so mieses Image und erfährt so wenig Wertschätzung. Nach der Pisa-Kränkung allerdings reifte nicht nur die Erkenntnis, dass unsere Jüngsten ein Potenzial bieten, das viele deutsche Kinderaufbewahrungsstätten jahrzehntelang verschenkt haben. Es wuchs auch die Einsicht, dass sich der Graben zwischen Kindergarten und Schule schließen muss.
Im Durchschnitt 4000 wache Stunden verbringen Kinder in der wissbegierigsten Phase ihres Lebens in einem Kindergarten. Sie brauchen dort Menschen, die ihnen nicht nur die Jacken zuknöpfen und Spielzeug in die Hand drücken, sondern ihnen geistiges Futter geben, sich auf ihre Fragen einlassen, ohne ihnen mit Standardantworten das Nachdenken abzugewöhnen.
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Der Veränderungsdruck ist groß. Nun sollen Kindergärten zu Bildungsinstitutionen werden und Erzieherinnen (rund 95 Prozent in diesem Beruf sind Frauen) zu Schlüsselfiguren in den Bildungsbiografien unserer Kinder.
Die Frage, ob wir in Deutschlands Kindergärten Akademiker brauchen, wagt unter Experten kaum noch einer mit Nein zu beantworten. Umso erstaunlicher, dass die Kultusministerkonferenz momentan »keinen Diskussionsbedarf zu diesem Thema« sieht, so Klaus Illerhaus, Referatsleiter Berufliche Schulen. Von einem Konsens zur Akademisierung könne noch keine Rede sein. Stattdessen betont man, an der Fachschulausbildung unbedingt festhalten zu wollen. Auf Länderebene ist man da zumindest gedanklich weiter. Sechzehn Studienangebote gibt es mittlerweile in Deutschland für die zukünftigen Bildungsprofis, viele grundständig, andere berufsbegleitend, mit Schwerpunkten von integrativer Frühpädagogik bis zum Kita-Management. Von Emden über Neubrandenburg bis Berlin und Koblenz gibt es neue Bachelorangebote zur Pädagogik der frühen Kindheit. Aber vieles bleibt ungeklärt: Müssen alle Erzieherinnen studieren? Was sollten sie lernen? Entwicklungspsychologie, die neuesten Erkenntnisse aus der frühkindlichen Hirnforschung oder doch viel konkreter: wie man im Kindergarten die Bildungspläne für die Drei- bis Sechsjährigen umsetzt? Sollten sie gute Sprachförderer werden oder endlich lernen, professionelle Elterngespräche zu führen? Was bedeutet es, wenn die neuen Bachelors of Education neben Erzieherinnen mit herkömmlicher Breitbandausbildung arbeiten? Und wer soll die Akademiker in den Kitas bezahlen?
Keine Zeit, auf die Antworten zu warten. Hochschulen, die noch keinen Studiengang gegründet haben, könnten schon fast zu den Verlierern im Kampf um Fördergelder und um die besten Leute für die Lehre gehören. »Der Markt an Frühpädagogen ist leer gefegt. Schon muss man auf Lehrer aus den Fachschulen zurückgreifen«, sagt Stefan Sell. Jene Ausbilder also, die man bislang im Verdacht hatte, unsere Erzieherinnen unter Niveau zu schulen. Weil Deutschland jahrzehntelang die frühkindliche Pädagogik zum Stiefkind machte, keine Mittel in ihre Erforschung steckte, gibt es heute kaum wissenschaftlichen Nachwuchs. Zwar will Bundesbildungsministerin Annette Schavan dieser Disziplin mehr Beachtung und Mittel zukommen lassen, doch es wird Jahre dauern, bis sich die Elementarpädagogik an den Hochschulen etabliert.
Das wissenschaftliche Desinteresse am frühen Lernen rächt sich auch inhaltlich. Jeder neu gegründete Studiengang wird zum Experimentierfeld. Während man die Studenten erst mal drauflosstudieren lässt, werden hinter den Kulissen fieberhaft Curricula überarbeitet. Eine »abenteuerliche« Situation sei das, findet Thomas Rauschenbach, Leiter des Deutschen Jugendinstituts in München, und fordert einen nationalen Council, »der gemeinsame Inhalte festlegt«.
Die Robert-Bosch-Stiftung versucht, den Wildwuchs an Reformansätzen zu stutzen, und fördert bis 2010 fünf ausgewählte Modellstudiengänge in Berlin, Bremen, Koblenz, Dresden und Freiburg mit insgesamt fünf Millionen Euro. »Wir möchten in dieser fragmentierten Landschaft zumindest gewisse Standards setzen«, sagt die Projektleiterin Monika Lütke-Entrup. Zweimal im Jahr tauschen sich die Vertreter der Fachhochschulen mit dem Bildungswissenschaftler Gerwald Wallnöfer von der Freien Universität Bozen aus, der dort Lehrer und Erzieher gemeinsam ausbildet und unter Deutschlands Frühpädagogen als Kindergarten-Guru gilt. Aber auch die Fachschulen werden in konzeptionelle Überlegungen einbezogen. Länder wie Schleswig-Holstein und Berlin haben die Zugangsvoraussetzungen für die Fachschulausbildung angehoben und verlangen jetzt das Abitur. Das Niveau in den Kursen sei dadurch beträchtlich gestiegen, berichtet Norbert Hocke, Kita-Experte bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. »Die Inhalte unserer Ausbildung sind qualitativ vergleichbar mit denen der Fachhochschulen«, sagt Annegret Lauffer-von Reiche. Sie leitet die Sozialpädagogische Fachschule im Berliner Pestalozzi-Fröbel-Haus, die mit europäischer Ausrichtung und Profilierungskursen zu den wenigen Leuchttürmen am Fachschulhorizont gehört.
Wenn es um die Vorteile ihrer Arbeit geht, argumentieren die Fachschulen paradoxerweise gerade mit der oft bemängelten Breitbandausbildung. Weil sie ihre Schüler für die Arbeit mit Jugendlichen, in Heimen oder Behinderteneinrichtungen ebenso qualifizieren wie für den Kindergarten, hätten ihre Absolventen größere Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt. Der Kritik, gerade in frühkindlicher Pädagogik zu wenig zu spezialisieren, entgegnen sie, dass die schon heute einen Ausbildungsanteil von 50 bis 75 Prozent ausmache. Das wirklich große Pfand in ihrer Hand aber bleibt die Zahl der Absolventen – 20000 Erzieherinnen entlassen sie jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt. Dagegen wird die Summe der FH-Abgänger verschwindend gering ausfallen.
»Die Fachschulen empfinden uns als große Bedrohung«, sagt Marion Musiol, Professorin für Early Education an der FH Neubrandenburg. »Dabei bin ich doch selbst gespannt und unsicher, ob wir die Ausbildung besser hinkriegen werden als sie.«
Auch in den Kindergärten sind die Vorbehalte groß. Praktikanten aus den Fachhochschulen werden kritischer beäugt als die vertrauten Fachschüler. »Ich denke, du studierst?«, wurde eine Bremer Studentin von einer Erzieherin hämisch gefragt, nur weil sie den Namen eines ausländischen Kindes falsch geschrieben hatte. Viele herkömmlich ausgebildete Erzieherinnen betrachten die jungen Akademiker als Konkurrenten: Werden sie ihren Status verlieren, aus ihren Gruppen verdrängt werden? Irgendwann nur noch Äpfel schälen und Fenster dekorieren – bloß weil sie nicht studiert haben?
»Alle Erzieherinnen, die heute schon im System arbeiten, brauchen eine Chance, sich weiterzuqualifizieren«, fordert Stefan Sell. »Sonst dauert es 35 Jahre, bis wir einen messbaren Erfolg erzielen.« Angewiesen auf qualifizierte Mentoren in der Praxis, holen die Fachhochschulen Erzieherinnen aus den Kindergärten in die Hörsäle und bilden sie selbst weiter. In Zukunft könnten Fortbildungen als Zulassung für ein Studium anerkannt werden. Durchlässiger sollen auch die Übergänge zwischen Fachschulen und FHs werden.
Ob es sinnvoll ist, beide Ausbildungswege aufrechtzuerhalten, entscheiden am Ende die Bewerberzahlen – denn schon zeigt sich, dass beide Systeme um die gleiche Klientel kämpfen werden. Viele Bundesländer verlangen eine zweijährige Ausbildung zum Sozialassistenten, bevor die dreijährige Fachschule startet. Damit dauert die gesamte Ausbildungszeit länger als mit den neuen, meist dreijährigen Bachelorstudiengängen. »Bei den jungen Leuten kommt die Botschaft an: Ohne Studium bist du nichts. Also werden die FHs immer mehr Zulauf bekommen und die Fachschulen noch mehr um qualifizierten Nachwuchs kämpfen müssen«, sagt Stefan Sell von der FH Koblenz.
Marion Musiol hatte die Wahl. Unter 378 Bewerbungen durfte sie 20 auswählen. Davon hatten alle einen Abischnitt mit einer Eins vorm Komma. »Ich möchte Experten in die Kindergärten schicken, die Lust auf die Arbeit mit den Kindern haben und nicht sofort einen Leitungsposten wollen.«
Die Motivation der Studenten in den neuen Studiengängen ist unterschiedlich. Ernüchternd war eine Befragung unter Bremer Studenten nach ihrem ersten Praktikum in Kindergarten und Schule. An der Universität Bremen werden seit vergangenem Jahr Elementar- und Grundschulpädagogen gemeinsam ausgebildet. Der Ansatz ist vielversprechend, denn wenn die Kitas Zahlen und Buchstaben nicht mehr vor die Tür sperren, Experimentieren so selbstverständlich ist wie Vorlesen, wird die strenge Trennung zwischen Erziehern und Lehrern verschwinden müssen. Aus den Kindergärten kamen die Praktikanten aber enttäuscht zurück: Mit Bildung habe das ja nichts zu tun, sagen sie und sehen ihre Zukunft eher in der Schule. Natürlich auch, weil dort eine bessere Bezahlung lockt.
Die Befürchtung, die Akademiker in den Kindergärten könnten die Kosten in die Höhe treiben, ist ein beliebtes Argument gegen eine Professionalisierung des Berufes. Dabei kann bislang kein Absolvent einer FH mit mehr Geld rechnen als seine Kollegen ohne akademischen Titel. Andererseits kam eine Studie der Uni Halle-Wittenberg zum erstaunlichen Ergebnis, dass selbst eine höhere Vergütung »gesamtgesellschaftlich« keine höheren Kosten verursachen würde. Der Grund: Die Kinderzahlen sinken und damit auch der Bedarf an Fachkräften. Viele Erzieherinnen werden ohnehin bald in den Ruhestand gehen. Der Zeitpunkt für eine Reform sei günstig wie nie.
Marion Musiol nimmt ihren Studenten von Anfang an die Illusion vom höheren Gehalt. »Hoch motiviert sind sie trotzdem.« Spannend bleibt, wie sie den Spagat zwischen Ideal und Alltag meistern werden. Die didaktischen und methodischen Ansätze, die sie aus der Fachhochschule mitbringen, stehen oft im krassen Widerspruch zur Kindergartenpraxis in Mecklenburg-Vorpommern. »Da wird die Beschäftigung am Vormittag abgehandelt wie eine Unterrichtseinheit. Alle Kinder sitzen im Stuhlkreis und müssen das Gleiche machen. Was völlig vorbeigeht an ihren individuellen Bedürfnissen«, sagt Musiol. Das habe nichts zu tun mit dem Bild vom Kind, wie sie es ihren Studenten vermittle. Aber manche von ihnen wissen schon, wie sie den Praxisschock umgehen und ihre Visionen Wirklichkeit werden lassen, ohne ständig anzuecken: Sie gründen ihren eigenen Kindergarten.

Kunde Kind

Das Gutschein-System soll die Konkurrenz unter den Kitas anfachen – zum Wohle der Kinder. Gelingt das? Von Julian Hans

Wenn Kinder Kunden wären und Kindergärten um sie konkurrieren müssten, was würde sich dann nicht alles ändern! Die Kitas würden ihre Öffnungszeiten den Bedürfnissen der Eltern anpassen, die Erzieher sich im Engagement überbieten, und die besten pädagogischen Konzepte würden sich durchsetzen. Larifari-Pädagogik von 9 bis 12 Uhr in schmuddeligen Räumen hätte auf dem Markt keine Chance. »Nachfrageorientierung« heißt das Zauberwort, mit dem Städte und Gemeinden seit einigen Jahren versuchen, diesen Traum wahr werden zu lassen.

Den Anfang machte Hamburg. Drei Jahre nachdem hier der erste Kita-Gutschein ausgegeben wurde, fällt die Bilanz durchwachsen aus. Bis dahin finanzierte die Hansestadt ihre Krippen, Kindergärten und Horte nach dem gleichen Modell wie bis heute die meisten Gemeinden: Die Stadt bezahlt eine gewisse Summe an die Einrichtung, dafür stellt diese eine gewisse Zahl an Plätzen zur Verfügung. Die Plätze vergibt das Jugendamt, meistens gebunden an den Wohnort des Kindes.

Nach der Reform bekommen die Eltern vom Jugendamt einen Gutschein über die bewilligten Stunden, den sie bei einer Kita ihrer Wahl einlösen. Die Einrichtung tauscht den Gutschein dann bei der Stadt in Fördergeld um. Je mehr betreute Kinder, desto mehr Gutscheine, desto mehr Geld in der Kita-Kasse. Der Wettbewerb belohnt die Tüchtigen, und die Mittel werden effizienter eingesetzt.

Jedes Kind, dessen Eltern arbeiten, werde einen Platz bekommen, versprach die Stadt. Aber das Modell, das sich in der Theorie so überzeugend anhörte, führte in der Praxis direkt ins Chaos: Nach wenigen Monaten war das Budget ausgeschöpft, die Bildungsbehörde hatte die Nachfrage unterschätzt und musste die Ausgabe der Scheine stoppen. Da standen noch 18000 Kinder auf der Warteliste, der Bildungssenator musste gehen, der Senat 2003 und 2004 je 40 Millionen Euro zuschießen, um das System vor dem Kollaps zu bewahren.

»Die Einführung des Gutscheins in Hamburg war konzeptionell schlecht vorbereitet«, sagt Dieter Dohmen, Leiter des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) in Köln. »Die Zustimmung der Träger wurde mit hohen Pro-Kopf-Sätzen erkauft.« Also kürzte die Stadt die Summe wieder, die sie pro Kind und Stunde bezahlt. Folge: Weniger Erzieher müssen sich um mehr Kinder kümmern, die Elternbeiträge wurden um eine Essenspauschale erhöht. Die Zuständigkeit für die Kindertagesstätten ging von der Bildungs- zurück an die Sozialbehörde. Damit war auch der Anspruch, Kindergärten zu Bildungseinrichtungen zu machen, begraben.

»Aus ökonomischer Sicht ist der Gutschein sicher eine gute Sache«, sagt Dohmen. »Er muss aber sehr sorgfältig gestaltet werden, damit er sich auch sozial positiv auswirkt.« Hamburg versprach allen berufstätigen Eltern einen passenden Gutschein und änderte mit der Reform auch die Bewilligungskriterien: Kinder, deren Eltern beide arbeiten, bekommen heute sofort einen Gutschein. Das bedeutet aber auch: Ausländerkinder, die zu Hause nicht Deutsch sprechen, und Kinder aus sozial schwachen Familien bekommen keinen oder nur einen Halbtagsplatz, solange nicht beide Eltern arbeiten. Ausnahmen für soziale Härtefälle gibt es: wenn die Eltern mit mehreren Gutachten belegen, dass ihre Kinder in schlimmen Verhältnissen leben, dass es keinen Platz für sie gibt zu Hause oder dass ein Familienmitglied trinkt. Doch wer geht schon freiwillig zum Jugendamt, um dort die Zerrüttung der eigenen Familie zu belegen?

Anselm Sprandel, Leiter der Abteilung Kita in der Sozialbehörde, zieht dennoch eine positive Bilanz nach drei Jahren Gutschein: »Wir versetzen die Eltern in die Lage, eine Arbeit aufzunehmen. Damit tun wir ihnen und ihren Kindern einen größeren Gefallen, als wenn wir Arbeitslosigkeit unterstützen.« Die Reform habe ihr Ziel erreicht. Vor Einführung des Gutscheins seien etwa 50000 Kinder versorgt gewesen. Im vergangenen Jahr waren es 54000. Immerhin eine Steigerung von acht Prozent bei gleichem Etat.

Eine Steigerung, die nur möglich war, weil viele Kinder von Arbeitslosen oder Migranten auf Halbtagsbetreuung herabgestuft wurden, sagen Kritiker wie Isa Baumgart vom Landeselternrat. »Die Reform wurde zugunsten der Kinder berufstätiger Eltern auf Kosten sozial benachteiligter Kinder durchgeführt.« Dazu führe das komplizierte Bewilligungssystem zu absurden Entwicklungen. Zum Beispiel wenn ein Geschwisterkind geboren wird. Dann wird das ältere Kind auf einen Halbtagsplatz zurückgestuft – oder es verliert seinen Krippenplatz ganz. Schließlich ist die Mutter wegen des Neugeborenen sowieso zu Hause.

Die eigentliche Enttäuschung aber ist: Der angestrebte Wettbewerb entfaltet seine Wirkung nur sehr begrenzt. Wer einen Gutschein bekommen hat, für den beginnt erst die Suche nach einem Platz. Denn nach wie vor übersteigt die Nachfrage das Angebot bei weitem. Begehrte Kitas führen lange Wartelisten. Oft müssen sich Eltern Monate gedulden, bis sie überhaupt einen Termin für eine Besichtigung bekommen. Für die Kita-Leitung bedeutet das Verfahren zusätzlichen Verwaltungsaufwand, weil sie Woche für Woche Eltern durch Frühstücksraum und Tobeecke führen und ihr pädagogisches Konzept anpreisen müssen. Aufwand, der nicht bezahlt wird, denn der Gutschein deckt nur die Betreuungszeit der Kinder ab. Für Extras wie Ausflüge oder Musikerziehung bleibt gerade bei kleineren Einrichtungen kaum etwas übrig.

Da die Nachfrage groß ist, sind auch schlechte Kitas ausgebucht.

Weil der Gutschein allein die Betreuungszeit, nicht aber den Aufwand der Betreuung vergütet, sehen die Einrichtungen hier die einzige Möglichkeit zum Sparen. In einer Untersuchung zum 12. Kinder- und Jugendbericht stellt die Bildungsökonomin Kathrin Bock-Famulla fest: Seit der Einführung der Gutscheinsysteme wurde zwar die Quantität gesteigert, oft aber auf Kosten der Qualität – schließlich blieb die Summe der Zuwendungen durch die Gemeinde gleich. Und mit der Einführung des Gutscheins fielen die amtlichen Qualitätsstandards weg in der Erwartung, der Markt werde genug Ansporn liefern. Doch weil das Angebot nach wie vor knapp ist, werden die schlechten Kitas trotzdem voll. Dort landen diejenigen, die keinen Platz in den guten bekommen haben, weil sie nur einen Halbtagsschein zu bieten hatten. Dass nachfrageorientierte Finanzierungssysteme auch sozial ausgewogen gestaltet werden können, zeigen die Beispiele Berlin und Bayern: In der Hauptstadt haben Kinder, bei denen zu Hause nicht Deutsch gesprochen wird, und Kinder aus sozial benachteiligten Familien den gleichen Anspruch auf einen Gutschein wie Kinder berufstätiger Eltern. Ohne Umweg über einen Gutschein überweist Bayern eine Leistungspauschale an die Kitas, die sich aus der Betreuungszeit errechnet und für Kinder unter drei Jahren, für behinderte oder Migrantenkinder zusätzlich erhöht wird.

Doch bei allem Bemühen, die vorhandenen Mittel effizienter und zugleich sozial gerecht einzusetzen – letztlich bleibt die Vorgabe, gleichzeitig zu sparen und in Bildung zu investieren, ein Paradoxon, das auch das beste Steuerungsmodell nicht auflösen kann. Eine Deckelung der Kosten durch die neuen Modelle hindere eine Weiterentwicklung eher, anstatt Investitionen in die Zukunft zu ermöglichen, sagt FiBS-Leiter Dohmen.

Experten fordern daher seit langem, den Bund in die Finanzierung der Vorschulbildung einzubeziehen, um das Angebot an Kita-Plätzen so weit auszubauen, dass es der Nachfrage gerecht wird. Denn erst wenn der Kunde wirklich eine Wahl hat, greifen auch die Mechanismen des Marktes.

© DIE ZEIT, 3.8.2006 - gefunden unter http://www.zeit.de/2006/32/C-Kita-Finanz

Apartheid in der Krabbelgruppe

Damit Integration gelingt, sollte sie schon im Krippenalter beginnen. Der Hamburger Kita-Gutschein bewirkt das Gegenteil Von Julian Hans

Das Hamburger Gutschein-System hat einen fatalen Nebeneffekt: Es trennt deutsche und ausländische Kinder. Dabei fordern Experten bei jeder Gelegenheit: Damit Integration gelingt, muss sie so früh wie möglich beginnen. Wenn die Eltern zu Hause nicht deutsch sprechen, sollten die Kinder möglichst schon im Krippenalter unter deutsche Altersgenossen; denn die Sprache ist die Basis jeder Integration. In Hamburger passiert genau das Gegenteil: Die unbeliebtesten Kitas werden zum Sammelbecken für Migrantenkinder.

Denn Kita-Leitungen unterscheiden zwischen guten und schlechten Gutscheinen. Gute Gutscheine über acht, zehn oder zwölf Stunden stellt das Jugendamt aus, wenn die Eltern nachweisen können, dass beide lange arbeiten und ihr Kind ganztägige Betreuung braucht. Wenn ein Elternteil weniger arbeitet, wird auch weniger bewilligt. Gutscheine mit weniger als acht Stunden gelten als schlechte Gutscheine. Am unbeliebtesten sind Scheine zum Mindestsatz von fünf Stunden.

Wenn eine Einrichtung es sich leisten kann, vermeidet sie es, »kleine« Scheine zu nehmen, denn sie bringen weniger Geld bei gleichen Fixkosten für Bastelmaterial, Putzfrau und Müllabfuhr, und der Aufwand für Wechselbelegung – vormittags Paul, nachmittags Peter – ist hoch. »Kinder mit weniger als acht Stunden können wir leider nicht aufnehmen«, hören Eltern daher auf Info-Abenden oft, noch bevor sie einen Blick in Küche, Garten oder Schlafraum werfen dürfen. Kitas mit einem guten Ruf können wählerisch sein, ihre Wartelisten sind voll.

Das stellt den Wettbewerbsgedanken des Gutschein-Systems auf den Kopf: Nicht die Eltern suchen sich die beste Kita aus, sondern die Kitas suchen sich die Kinder mit den guten Scheinen aus.

Und die kommen meistens aus so genannten besseren Verhältnissen. Kinder aus Einwandererfamilien haben oft nur »kleine« Scheine zu bieten, denn wenn etwa der türkische Vater Arbeit hat, bleibt die Mutter meistens zu Hause. Zusammen mit anderen Kindern aus sozial schwachen Familien landen sie in den Kitas, die keine langen Wartelisten führen.

Solange Migrantenkinder aber weitgehend unter sich bleiben, verpassen sie die wichtigste Chance, die ihnen der Kindergarten bieten könnte: rechtzeitig gutes Deutsch zu lernen. Damit verschärft das Gutschein-System in Hamburg das prekärste Problem, das die Pisa-Studie bemängelt: In keinem entwickelten Land haben es Kinder aus sozial schwachen Schichten so schwer, an Bildung zu kommen, wie bei uns. Das System zementiert den Status quo.

Anselm Sprandel, Bereichsleiter Kita in der Hamburger Sozialbehörde, sieht keinen Grund zur Kritik an der Gutschein-Vergabe: »Bis vor vier Jahren war die Kita-Politik auf soziale Bedürftigkeit ausgerichtet. Unser Ziel ist die Förderung von Berufstätigkeit.«

Damit haben die Bedürfnisse der Eltern Vorrang vor denen der Kinder. Obwohl die Sozialbehörde auch für Integration zuständig ist, bekommen diejenigen nur einen »kleinen« Schein, für die es besonders wichtig wäre, aus einem Umfeld herauszukommen, in dem kein Deutsch gesprochen wird. In den Augen Sprandels kein Problem: »Dann ist das Kind eben drei Stunden länger auf der Straße – da kann man bei uns übrigens auch noch Deutsch lernen.«

© DIE ZEIT, 3.8.2006 - gefunden unter http://www.zeit.de/2006/32/C-Kita-Desintegration

Kinderrechte in die Verfassung?

Familienministerin von der Leyen will Kinder künftig besser schützen. Zum Beispiel durch die Aufnahme ihrer Rechte ins Grundgesetz.

Nach dem schockierenden Tod des kleinen Kevin aus Bremen hat Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) die Debatte über die Aufnahme von Kinderrechten in die Verfassung neu belebt. »Die Zeit ist reif dafür«, sagte von der Leyen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Das Land Bremen will als Konsequenz aus der Tragödie um den Zweijährigen künftig alle Problemfamilien kontrollieren lassen.

Der Staat habe wie die Eltern gegenüber den Kindern eine besondere Schutz- und Förderfunktion, betonte Ministerin von der Leyen. Sie habe deshalb den Diskurs mit namhaften Verfassungsrechtlern begonnen. In der Welt am Sonntag wies die Politikerin auch auf die Isolation in bildungsarmen Familien hin: Sie sei zum Teil »Besorgnis erregend«. Innerfamiliäre Gewalt komme dort zwei bis drei Mal so häufig vor wie in anderen Familien. Der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber sagte auf dem CSU-Parteitag am Samstag in Augsburg, der Schutz der Kinder sei eine »essenzielle Aufgabe des Staates«.

Sachsen-Anhalts Familienministerin Gerlinde Kuppe (SPD) will eine Allianz für Kinder schaffen. Das sagte sie am Sonntag im MDR 1 Radio Sachsen-Anhalt. Jugendämter, Beratungsstellen, Kinderärzte, Polizei und Justiz müssten stärker vernetzt werden. Sachsen-Anhalt werde im nächsten Jahr weitere Familien-Hebammen ausbilden, die minderjährige Mütter, allein erziehende Frauen und Familien mit sozialen Problemen unterstützen. Zudem plädierte die Ministerin dafür, die Rechte von Kindern in die Landesverfassung aufzunehmen. Dazu gehörten das Mitbestimmungsrecht und das Recht auf Bildung.
Die Mehrzahl der Bundesländer hat Kinderrechte bereits in der Verfassung verankert. Die Bundesrepublik unterzeichnete vor 14 Jahren zwar die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen, ins Grundgesetz wurden die Rechte der Kinder trotz regelmäßiger Vorstöße von Politikern und Kinderschutzbund jedoch noch nicht aufgenommen.

Bremens Regierungschef Jens Böhrnsen (SPD) sagte dem Weser- Kurier, er habe als Sofortmaßnahme verabredet, »dass in den nächsten Tagen überall dort, wo im Elternhaus Probleme bekannt sind (...) alle Kinder Besuch von professionellen Helfern bekommen.«

Die Leiche Kevins, der unter der Vormundschaft des Jugendamtes stand, war am vergangenen Dienstag im Kühlschrank seines drogensüchtigen Vaters entdeckt worden. Danach waren grobe Fehler der Bremer Sozialbehörde bekannt geworden. Sozialsenatorin Karin Röpke (SPD) trat zurück, der Leiter des Jugendamtes wurde vom Dienst suspendiert. Gegen zwei Mitarbeiter der Behörde wurden strafrechtliche Ermittlungen wegen Vernachlässigung der Fürsorgepflicht eingeleitet. Röpke wie auch Böhrnsen waren seit Anfang des Jahres über die Lebensumstände Kevins informiert.

Der Landesvorstand der SPD nominierte am Sonntag einstimmig Ingelore Rosenkötter (53) als neue Bremer Sozialsenatorin. Rosenkötter, bislang Präsidentin des Landessportbunds und Landesgeschäftsführerin des Deutschen Roten Kreuzes, muss noch von einem SPD-Landesparteitag und der bremischen Bürgerschaft gewählt werden.

»Man durfte nicht nur Papiere lesen, Vermerke schreiben und Sitzungen abhalten. Man hätte regelmäßig das Kind besuchen und sich mit eigenen Augen überzeugen müssen, wie es ihm geht und wie es betreut wird«, sagte Böhrnsen. Der Schutz von Kindern habe jederzeit einen höheren Rang als jede Haushaltslage. Notfalls müsse eben eine Straße weniger gebaut werden. »Nach meinen Informationen hat es beim Tod von Kevin nicht am Geld gelegen.«

Mehr Zivilcourage von Behördenmitarbeitern forderte Renate Künast, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag. Die Beamten müssten den Mut haben zu sagen: »Dieses Kind kommt an einen geschützten Ort, ich überlasse es nicht der Bürokratie oder den Pfennigfuchsern in meiner Behörde«, schrieb Künast in der Bild am Sonntag. Viele Kommunen seien derzeit aber überfordert. »Dem Jugendamt wird der Geldhahn zugedreht, die Mitarbeiter sind oft bis über ihre Grenzen hinaus belastet«, kritisierte Künast.

Nach den Worten des Sozialpädagogen Herbert Blüml vom deutschen Jugendinstitut haben früher Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) bei jeder Geburt automatisch die Familien besucht. »Das ist vor rund 20 Jahren abgeschafft worden«, sagte er der Berliner Zeitung. Nach dem Bericht des Blattes war im Bremer Stadtteil Gröpelingen, wo Kevin lebte, ein Sozialarbeiter für 116 Kinder zuständig.
Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins Focus haben die Eltern Kevins ihren Sohn schon im September 2004 mit schweren Verletzungen wie einem Schädelbruch ins Krankenhaus gebracht und erklärt, dass damals acht Monate alte Kind habe sich im Kinderbett die Brüche selbst zugefügt. Die Klinik habe daraufhin das Jugendamt informiert. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft konnte den Focus- Bericht am Sonntag nicht bestätigen. Es habe damals keine Strafanzeige und daher auch keine Ermittlungen gegeben.

In Sachsen-Anhalt wurde am Freitag die sieben Wochen alte Leonie tot in der Wohnung ihrer alkoholkranken Mutter gefunden. Woran das Baby starb, ist noch unklar. »Spuren äußerlicher Gewalt gibt es nicht«, sagte Staatsanwalt Klaus Wiechmann. Auch ein natürlicher Tod des Mädchen, das mit einem Herzfehler geboren wurde, sei möglich. Das Baby und die getrennt von ihrem Lebensgefährten lebende Mutter wurden vom Jugendamt betreut. Gegen die Frau laufe ein Ermittlungsverfahren.

In München muss sich indes eine Frau wegen versuchten Mordes an ihrem zweijährigen Sohn verantworten. Im Vollrausch hatte die 46- Jährige am vergangenen Mittwoch mit einem Küchenmesser auf den zwei Jahre alten Kevin eingestochen. Der Junge wurde lebensgefährlich an der Brust verletzt und musste notoperiert werden. Der Zustand des Kindes habe sich stabilisiert, hieß es am Sonntag.

© ZEIT online, dpa, 15.10.2006

Das neue Elterngeld kommt!

Erziehungsgeld ade – am 1. Januar 2007 wird diese staatliche Förderung vom Elterngeld abgelöst. Womit Sie rechnen können

Der Nachwuchs ist da, jetzt bleibt Papa erst mal zu Hause! Unmöglich? Nicht mit dem neuen Elterngeld, das zwei Drittel des bisherigen Nettogehalts ersetzt – bis zu ein Jahr lang. Mit dieser neuen staatlichen Förderung will die Bundesregierung Paaren die Entscheidung erleichtern, eine Familie zu gründen. Wenn der Bundestag und der Bundesrat im Herbst zustimmen, wird das Elterngeld am 1. Januar 2007 in Kraft treten und das Erziehungsgeld ablösen. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen bezeichnet das Elterngeld als „wichtige Säule der neuen Familienpolitik“.

Ein Jahr Geld vom Staat
Konkret bedeutet das Elterngeld: Der berufstätige Elternteil, der nach der Geburt zugunsten der Familie zu Hause bleibt, bekommt für maximal ein Jahr 67 Prozent seines Nettoeinkommens, höchstens aber 1800 Euro im Monat. Wer vorher in Vollzeit und nach der Geburt in Teilzeit arbeitet (bis zu 30 Wochenstunden), erhält 67 Prozent des wegfallenden Teilgehalts.

Ein Sockelbetrag („Mindestelterngeld“) von 300 Euro ist auch dann garantiert, wenn man vor der Geburt gar nicht berufstätig war. Dadurch können auch arbeitslose Väter und Mütter, Hausfrauen und Hausmänner, Studierende und Auszubildende profitieren – allerdings immer nur ein Elternteil je Kind. Mit anderen Sozialleistungen wie dem Arbeitslosengeld II wird das Elterngeld nicht verrechnet.

Auch Selbstständige erhalten das Elterngeld. Auch bei ihnen wird der wegfallende Gewinn wegen der Betreuung des Kindes zu 67% ersetzt. Der Gewinn wird grundsätzlich ermittelt wie im Falle eines ALG II-Bezugs. Dabei kann der Gewinn auf der Basis unterschiedlicher Nachweise ermittelt werden, dazu gehören insbesondere auch Steuererklärungen.

Keinen Anspruch auf Elterngeld haben Väter und Mütter, die auch nach der Geburt mehr als 30 Stunden die Woche arbeiten. Im Klartext: Verzichten beide berufstätigen Elternteile nach der Geburt auf Familien-Auszeit, gibt’s kein Elterngeld.

Extras und Sonderregelungen
Dafür winken zwei so genannte Partnermonate extra, also insgesamt 14 Monate Elterngeld, wenn sich Vater und Mutter zugunsten der Familie die Auszeit teilen – und zwar so, dass beide zusammengenommen insgesamt 14 Monate zu Hause sind. Auch Alleinerziehende mit alleinigem Sorgerecht können diesen Bonus nutzen und 14 Monate Elterngeld beziehen.

Interessant vor allem für viele Frauen, die vor der Geburt teilzeitbeschäftigt waren, ist die Sonderregelung für so genannte Geringverdiener: Wer weniger als 1000 Euro verdient und nach der Geburt zu Hause bleibt, bekommt als Elterngeld nicht nur 67 Prozent seines bisherigen Einkommens, sondern mehr: und zwar jeweils einen Prozentpunkt oben drauf, je weiter er in 20-Euro-Schritten unter der 1000-Euro-Grenze lag. So erhält z.B. ein Geringverdiener mit einem bisherigen Verdienst von 800 Euro nach der Geburt des Kindes 77 Prozent Elterngeld – 616 Euro.

Auch bei Mehrlingsgeburten gibt’s was extra: Das Elterngeld steigt um 300 Euro für’s zweite und jedes weitere Kind.

Ein Geschwisterbonus ist möglich, wenn sich innerhalb von 24 Monaten nach der ersten Geburt erneut Nachwuchs einstellt: Sollte sich das Familieneinkommen inzwischen verringert haben und damit weniger Elterngeld als beim ersten Kind fällig sein, wird diese Differenz zur Hälfte dem Elterngeld für’s jüngere Kind hinzuaddiert.

Möglich ist auch, sich nur die Hälfte des Elterngelds auszahlen zu lassen – dafür aber für den doppelten Zeitraum.

Wichtig für die Steuererklärung: Das Elterngeld wird nicht separat versteuert, dem Einkommen aber hinzuaddiert und bestimmt so die Steuersatz-Höhe mit.

„Wer hat, dem wird gegeben“, kritisieren Familien- und Sozialverbände. Sie bemängeln vor allem die Regelung, Eltern umso mehr Elterngeld auszuzahlen, je mehr sie bislang verdient hatten – bis zur 1800-Euro-Höchstgrenze.

Knackpunkt: Beim Elterngeld ist das Familieneinkommen keine Bemessungsgrenze. Wenn Mütter nach der Geburt zu Hause bleiben, erhalten sie auf jeden Fall Elterngeld. Auch dann, wenn der Partner Top-Verdiener ist. Dagegen wird das Erziehungsgeld (gültig noch für Geburten bis 31.12.06) nur bei einem Familien-Jahreseinkommen bis zu 30.000 Euro gewährt.

Dagegen sehen sich Eltern ohne Einkommen im Nachteil, da sie nur noch für zwölf Monate den 300-Euro-Sockelbetrag erhalten. Eine Halbierung ihrer bisherigen Förderung: Denn das Erziehungsgeld von 300 Euro wird Eltern ohne oder mit geringem Jahreseinkommen (bis 16500 Euro) nicht zwölf, sondern 24 Monate gezahlt. Kritiker fordern daher eine Wahlfreiheit zwischen Eltern- und Erziehungsgeld.

Quelle: http://www.familie.de/de/eltern/2006/20060810_elterngeld2.php?navid=8

Vorbild Super Nanny

Wie erreicht man Problemfamilien? Experten und Bundestagsabgeordnete suchten gemeinsam nach Lösungen, wie man den Medieneinfluss auf Kinder steuern kann
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© ZEIT online 19.10.2006 - 10:34 Uhr
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Geladen hatte zu der Anhörung am Mittwoch der Kinderausschuss des Bundestages. Die Experten waren sich einig: Alle Informationen und Tipps zum sinnvollen Fernseh- und Internetkonsum sind vorhanden, der Jugendschutz in Deutschland ist gut geregelt. Nur: Wie erreicht man Familien, die sich für „pädagogisch wertvolle“ Internetangebote und für Elternabende nicht interessieren? Die gar mit ihren Kindern gemeinsam brutale Computerspiele wie Counterstrike spielen? Jene Familien, in denen die Dauerberieselung durch den Fernseher oft zum einzigen Freizeitprogramm gehört?

Nach Meinung von zwei Medienpädagoginnen und des Vertreters des ZDF liegt im Zugang zu diesen Familien das entscheidende Problem. Anspruchsvollere Zeitschriften oder Internet-Downloads, wie viele öffentliche Einrichtungen sie anbieten, erreichen ihre Zielgruppe nicht. Es mache „wenig Sinn, Aufklärungs-CDs bei Aldi auszulegen“, sagt die Medienpädagogin Hanne Walberg von der Uni Mainz. Der erzieherische Arbeitsaufwand sei für viele zu groß. Auch Fernsehanbieter zu mehr Verantwortung zu ziehen, wie dies die Abgeordnete Marlene Ruprecht (SPD) fordert, oder Qualitätssiegel für Computerspiele einzuführen, ein Vorschlag der Grünen-Abgeordneten Ekin Deligöz, stoßen bei den Medienexperten auf wenig Begeisterung.
Vielmehr, rät Sabine Eder von der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur GMK, sollten Institutionen eingebunden werden, die bereits das Vertrauen von solchen Problemfamilien genießen: Arztpraxen, Sportvereine, Schulen und Kindergärten. Mit Familienaktionen müssten Pädagogen das Vertrauen der Eltern gewinnen und sinnvolle Methoden der Medienerziehung vermitteln. Telefon-Hotlines sollen Hilfe anbieten.

Die Experten gehen sogar einen Schritt weiter: Programme wie die RTL-Sendung „Super Nanny“ über schwer erziehbare Kinder sollten als Vorbild dienen. Zwar sei dies eine „voyeuristische Show,“ die die Persönlichkeitsrechte der dargestellten Kinder verletze. Ähnliche Sendungen mit Erziehungstipps könnten jedoch eben diese Familien erreichen, die ohnehin ganze Nachmittage vor dem Fernseher verbringen. Auch gängige Internet-Portale wie „YouTube“ könne man sich zu Eigen machen, um erzieherische Videos zu zeigen, schlägt der ZDF-Redakteur Thomas Waldner vor.
Schon früh sollen Kinder deshalb an Medien wie Internet und TV herangeführt werden – am besten bereits im Kindergarten. Doch die mediale Ausstattung von Schulen und Kindergärten in Deutschland sei „katastrophal.“ Auch hauptberufliche Erzieher sind in ihrer Rolle als Medienaufklärer überfordert. Viele Pädagogen arbeiteten in diesem Bereich ehrenamtlich. Der Grundtenor der Anhörung, wie auch in der laufenden Unterschicht-Debatte, lautet deswegen: Mehr Geld für Bildung.