„Viele Männer sind lieber große Jungen als junge Väter“

Doch das ist auch kein Wunder, erklärt der Autor Alex Rühle. Denn die Vorstellung ist nicht gerade verlockend: Familie gründen, Haushalt aufbauen, Rentenvorsorge, Karriere – und das alles gleichzeitig – Text von Alex Rühle, „emotion“ Juli 2006, S.54f. – www.emotion.de

Zum Beispiel diese Woche: Am Sonntagabend wurden bei „Sabine Christiansen“ wieder neoliberale Phrasen an die Bevölkerung durchgegeben: Wir brauchen mehr Dynamik, nieder mit der Sesshaftigkeit, den verkrusteten Strukturen und den mangelnden Engagement! Am Montag zitierten die Zeitungen die Ausführungen des Soziologen Hans Bertram im neuen Familienbericht der Bunderregierung: „An der Berliner Charité bekommen junge Ärzte inzwischen Monatsverträge. Wie sollen sich Menschen in dieser Unsicherheit für die Gründung einer Familie entscheiden?“ Und am Dienstag rechnete mir ein kinderloser Freund, der bei einer großen Versicherung arbeitet, vor, dass das kompletter Wahnsinn sei mit zwei Kindern. Jedes der Kinder koste bis zu seinem 18. Geburtstag 150.000 Euro Unterhalt (Betreuungskosten sind da einbeinberechnet, Ausgaben für ein Studium oder eine Ausbildung nicht): Und da soll man sich wundern, wenn einen nachts Entlassungsträume heimsuchen? Und wenn man kaum noch spürt, wer da neben einem im Bett liegt?
Die Familie ist eine auf Dauer angelegte Institution. In diesem Vertrag willigen zwei Menschen ein, die daraufhin trainiert wurden, sich selbst zu verwirklichen; denen als bewusstes oder unbewusstes Daseinsideal der Wunsch nach Bewegungsfreiheit, nach Erlebnisfreiheit, Ungebundenheit, Unstrukturiertheit eingepflanzt wurde; die einander als Partner über 40 Jahre hin begehrenswert und interessant finden sollen. Und die meist in Jobs feststecken, die von ihnen ein so hohes Maß an Flexibilität und Mobilität erfordern, dass sie einander abends als leer gearbeitete Hüllen gegenübersitzen. All das lässt sich, gelinde gesagt, nur schwer mit Familie zusammendenken. Aber Familie denkt man ja auch nicht. Familie macht man.
Wir wussten, wenn wir mal Eltern werden, reden wir nicht so autistisch über unseren Nachwuchs wie all diese Elterntiere. Die Wohnung, auch das war klar, sollte weiterhin ein ästhetisch ansprechendes Raumgefüge bleiben. Mittlerweile ist unser Schlafzimmer eine Liegewiese mit Wänden drumherum, wir schlafen darin zu viert. Was die schöne Wohnung mit schicken Möbeln angeht, so sagen wir uns manchmal, spätabends, während des Aufräumens, inmitten des Bauklotzsalats des rosa Plastikmülls: na ja, wenn die mal ausgezogen sind.
Einiges ist schade, ja tragisch. Man lebt mit Kindern plötzlich auf einem anderen Kontinent. Gespräche mit kinderlosen Freunden ähneln einem Treffen von Abgesandten aus den USA und der Sowjetunion auf freiem Felde, in den Tiefen des Kalten Krieges. Da ist kein gemeinsamer Nenner mehr. Man trifft also mit der Zeit nur noch die Freunde, die ebenfalls Familie haben, man besucht einander am besten zu Hause und landet dann unweigerlich beim Thema Familie und seinen zahlreichen hochkomplexen Unterthemen.
Zum Beispiel bei der Frage, warum es so viel schwerer ist als früher, den Alltag zu organisieren. Zum Teil hat das mit dem Luxus der vielen Optionen beziehungsweise der Qual der Wahl zu tun. Unsererseits ist damals in den öffentlichen Kindergarten gegangen, weil es gar keinen anderen gab. Da war ich bei Schwester Regula und Fräulein Gertrud, und die haben das wahrscheinlich auch alles halbwegs richtig gemacht. Wir mussten uns mit anderen Kindern bei acht Kindergärten bewerben, die die Bewerber in bis zu dreistufigen Auswahlverfahren testeten. Bei den Familientreffen verbringt man dann wieder ganze Nachmittage damit, über Vor- und Nachteile der verschiedenen Krippen, städtischen Kindergärten und Elterninitiativen zu beratschlagen. Am Horizont dräut es schon die Einschulung (in zwei Jahren). Und die Pubertät.
Oder man zerbricht sich den Kopf darüber, warum im deutschen Fernsehen eigentlich so wenige durchschnittliche Familien vorkommen. Das Adolf-Grimme-Institut kam kürzlich bei der Auswertung von 400 Stunden Sendezeit zu dem Ergebnis, dass im Programm deutscher TV-Sender 15 Prozent aller gezeigten Kinder mit ihren leiblichen Eltern aufwachsen und 85 Prozent bei Alleinerziehenden. In der Realität ist es genau umgekehrt. Die meisten Fernsehexistenzen aber haben gar keine Kinder. Auf dem Bildschirm ist das von den Demographen gemalte Szenario der kinderlosen Gesellschaft nebst sozialer Totalzerrüttung längst Realität. Kein Kind nirgends. Man könnte zwei Hypothesen wagen: Familien sind dramaturgisch extrem unsexy. Oder alle Drehbuchschreiber, Regisseure und Intendanten haben Beziehungsschwierigkeiten.
Das Auffälligste an den Familientreffen ist freilich, dass sich meist nach einiger Zeit zwei Grüppchen bilden: Die Frauen tauschen sich über den Kinderalltag aus. Im Gespräch der Väter gibt es den Beruf. Und es gibt das Sonstige. Das drumherum zu organisierende Restleben. Die Quadratur des Kreises, die Schwierigkeit, ein guter, freundschaftlicher Vater zu sein, aber die Kinder eben nur morgens und abends zu einem verlängertem Gute-Nacht-Kuss zu sehen. Vielleicht ändert sich ja, wenn die alten Chefs in den Ruhestand gehen, etwas an der Tatsache, dass Frauen immer noch ein Drittel weniger verdienen als Männer. Dass es entgegen allem Gerede und aller Ermahnung viel zu wenige Halbtagsjobs gibt (es ist ja nebenbei gesagt, interessant, dass der Mensch unendlich flexibel sein soll, die ihm zur Verfügung gestellten Arbeitsverhältnisse aber meist so unflexibel sind wie ein Stück Stahl). Vielleicht lernen dann die Unternehmen, dass Zeit für Kinder volkswirtschaftlich letztlich genau so wichtig ist wie Zeit für Arbeit. Und kann hier vielleicht mal jemand erklären, wie das gehen soll: Familie gründen, Haushalt aufbauen, Rentenvorsorge und Karriere – alles gleichzeitig? Und zwar zwischen 25 und 35. Weil für sehr viele mit 55 das Arbeitsleben schon wieder vorbei ist.
Der Soziologe Franz-Xaver Kaufmann spricht von einer „strukturellen Rücksichtslosigkeit“ unserer Gesellschaft gegenüber der Familie, weil deren Belange in den Planungskalkülen der Politik und der Unternehmen außen vor bleiben. Dabei sollte man als Mann den Ball flach halten beim Thema Familienpolitik, denn immer mehr Studien besagen, dass Männer an der demographischen Misere schuld sind. Umfragen und Untersuchungen kommen zu dem Schluss, dass potenziellen Vätern der ganze lebenstechnische Klimbim rund um die Familie schlicht zu anstrengend sei. Früher, in Zeiten effizienter Klarheit der bürgerlichen Familie, nahmen die Frauen den Männern alle Fürsorgearbeit ab. Aber wo noch Ende der Sechziger die Gattin im Hintergrund des Haushalts waltete, lebt heute eine Frau, die selbst gern Kinder und Job unter einen Hut bekommen würde.
In dem Zusammenhang kann man auch mit dem Mythos unserer Zeit, der Kinder verweigernden Akademikerin, aufräumen: Frauen mit einem guten Studienabschluss waren vor 30 Jahren viel stärker gewillt einer Karriere zuliebe Kinderwünsche hintanzustellen, als heute. An den Männern aber scheint auch das postmoderne Denken von der Patchwork-Biographie relativ spurlos vorbeigegangen zu sein: Zwei Drittel von ihnen fühlen sich erst dann dazu in der Lage, das Projekt Familie überhaupt in Angriff zu nehmen, wenn sie eine Festanstellung haben. Bis dahin bleiben sie im besten gebärfähigen Alter lieber große Jungen, als junge Väter zu werden, wie es die Bosch-Stiftung polemisch formulierte. Weniger zugespitzt könnte man sagen, dass Männer heute aufgerieben werden zwischen den widersprüchlichen Forderungen, sich als hoch motivierte, hypermobile Mitarbeiter ihres Unternehmens zu profilieren und zugleich Bombenpapas zu sein.
Der öffentliche Diskurs hat sich auf deutschlandspezifisch düstere Weise geändert; die ebenfalls rapide alternden Italiener und Spanier überbieten einander jedenfalls nicht in apokalyptischen Aussterbeszenarios. Aber die Aufregung hat ja auch ihr Gutes. Unvorstellbar, dass sich ein Politiker heute hinstellen und wie Schröder vor gerade mal acht Jahren, feist grinsend vom „Ministerium für Familie und Gedöns“ sprechen würde. Eher bekommt man den Eindruck, dass von der Leyen mit Merkel das Land regiert, während alle anderen Minister mit Gedöns beschäftigt sind. Aber es ist schon unheimlich, dass ausgerechnet Ursula von der Leyen mit ihren beinharten christlichen Wertekanon sagt, wie es weitergeht mit der Familie.
Wenn man dem Harvard-Soziologen Phillipp Longman glaubt, stehen wir vor einer Renaissance der konservativen Familie. So jedenfalls behauptet es Longman für die USA: Dort sorgen Traditionalisten und wertkonservative Bush-Wähler im Bible Belt qua Mehrheit bald für eine Geschlechterrolle rückwärts; mit ihren althergebrachten Vorstellungen werden sie womöglich alle familienpolitischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte beiseite fegen. Wenn man sich das auch nur ansatzweise ausmalt, merkt man erst, wie weit man doch gekommen ist, trotz allen Genörgels.
Was hier jetzt leider nicht steht, ist, wie wunderbar Familie ist. Kinder aufwachsen zu sehen, ihre unverstellten, so oft unversehens ins Zentrum der Dinge zielenden Fragen, ihre bedingungslose, rohe, zarte Liebe, ihre Unangepasstheit, die völlig andere Zeitempfindung, das Geborgene, all das erfüllt und weitet das eigene Leben, wie man es sich vorher gar nicht vorstellen kann. Als hätte alles seither einen unsichtbaren Goldgrund.

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Das Beste fürs Kind

Das Beste fürs Kind
Früh-Englisch, christliche Erziehung oder Spielen im Wald: In welchen Kindergarten schicke ich meine Zwillinge? Bilanz einer einjährigen Suche
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Text von Ilka Piepgras aus „DIE ZEIT“, vom 29.06.2006, Nr. 27,
S. 55
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Es fing alles so leicht an. Als meine Kinder, Zwillinge, zur Welt kamen, gab es direkt in unserer Straße, zu Fuß nur drei Minuten von unserer Wohnung entfernt, einen Kindergarten. Ein Jahr nach der Geburt hörte ich zufällig auf dem Spielplatz, diese Kita sei so gut, dass manche Eltern ihre Kinder von weit her brächten. Das Thema Kindergarten war mir damals fremd – ich wusste nichts über die unterschiedlichen Träger oder pädagogischen Konzepte, hatte keine Ahnung von der Vielfalt der Möglichkeiten in Berlin. Mein Anspruch war bescheiden, damals. Mir schwebte ein unspezifischer Ort vor, an dem die Kinder fröhlich mit anderen Kindern spielen und sich nette Menschen liebevoll um sie kümmern. Mag sein, dass ich mich damals noch von meinen eigenen Erfahrungen leiten ließ – von zwei schönen Jahren in einem ganz normalen Kindergarten einer saarländischen Kleinstadt. Meine Eltern hatten diesen Ort nicht wählen können, es gab zwei, vielleicht drei Kindergärten in der Stadt, und dieser befand sich in der Nähe unseres Hauses. Außer einem Garten ist mir davon wenig in Erinnerung geblieben, viel gelernt habe ich dort vermutlich nicht, und dennoch durfte ich später studieren.
Kurz nachdem die Zwillinge zwei Jahre alt geworden waren, machte ich mit der Leiterin der Kita in unserer Straße einen Termin aus. Immerhin hatte ich schon gehört, dass man sich für Kindergartenplätze längere Zeit im Voraus bewerben sollte. Einige hatten sogar gesagt, am besten direkt nach der Geburt, aber das erschien mir damals hysterisch. Die Kita-Leiterin hatte weißblond gefärbte Stoppelhaare. Sie redete lange und heftig auf mich ein, sprach von »Angeboten«, die ihre »Einrichtung« machte, vom »psychomotorischen Ansatz« und von »snoozeln« – so ihre Bezeichnung für die Schlummerstunde, wie ich später herausfand. Ich hatte es nicht gewagt, sie danach zu fragen. Hier, auf dem Stuhl im Büro der Kita-Leiterin, fühlte ich zum ersten Mal dieses Unbehagen, welches mir im weiteren Verlauf meiner Suche sehr vertraut werden sollte – ein Gefühl von Machtlosigkeit. Ich saß auf diesem Stuhl und heuchelte Einverständnis mit pädagogischen Theorien, die mir nichts sagten. Beim Rundgang durch die Kita lobte ich die Räumlichkeiten, obwohl mich der Anblick abgegriffener Matratzen im Kuschelraum und das große Durcheinander von Spielsachen, Hausschuhen und Regenjacken erschreckten. Bloß nicht negativ auffallen, dachte ich, die lassen das später an deinen Kindern aus. Die haben dich in der Hand.

Werden meine Kinder später wegen meiner falschen Wahl scheitern?
Die Kinder in der Kita wirkten fröhlich, es gab einen großen Spielplatz im Hof, das Essen kam nicht aus einer Großküche, sondern wurde im Haus gekocht. Es ist alles in Ordnung, sagte ich mir und ließ unsere Zwillinge auf die Warteliste setzen. Ein Jahr später, hieß es, kurz vor ihrem dritten Geburtstag, könnten die beiden anfangen. Ich war nicht euphorisch, aber froh. Der kurze Weg zur Kita würde uns das Leben enorm erleichtern.
Dann traten die anderen Mütter auf den Plan.
Alle Gespräche im Freundeskreis und auf dem Spielplatz begannen jetzt mit dem Satz »Hast du schon einen Kindergarten?«. Jede Mutter wusste von irgendeiner herausragenden Einrichtung zu erzählen, die besonders gut für die Kinder sei, und immer klang das, was die anderen berichteten, viel verlockender als die städtische Kita in unserer Straße. Freundin A. hatte gute Erfahrungen mit einem Elterninitiativen-Kindergarten gemacht, in dem insgesamt nur 15 Kinder waren, deren Mütter sich zudem im Stil so ähnlich waren, dass sie ihren Kindern fast identische Sachen anzogen, sie schwärmte von der Ruhe in der kleinen Gruppe. K. erzählte von den lichten Räumen, in denen ihr Kind betreut wurde. S. schwor auf Frühenglisch, M. auf christliche Erziehung, E. auf die Waldorf-Methode. Ich dachte an den hässlichen gelben Funktionsbau der Kita in unserer Straße und den Lärm, den die insgesamt 120 Kinder dort machten. Sah das Gebäude nicht asbestverseucht aus? Ich stand ziemlich allein da mit meiner pragmatischen Entscheidung zugunsten des kurzen Weges und begann an der Wahl zu zweifeln. Vor allem waren mir umstandslos Plätze zugesichert worden, während andere Mütter sich mit Hilfe von Rechtsanwälten einklagten, jahrelang auf Wartelisten standen oder sonntags den Gottesdienst ihrer Gemeinde besuchten, um die Leiterin des christlichen Kindergartens für sich zu gewinnen. Gute Kindergärten waren offenbar auf lange Sicht ausgebucht. Wieso hatte ich dann sofort zwei Plätze bekommen? Je mehr ich anderen Müttern zuhörte, desto größer erschien mir die Bedeutung des Kindergartens für das Leben meiner Kinder. Würden hier nicht die Weichen gestellt für ihre gesamte Entwicklung? Ohne Englisch würden sie es nicht auf eine der begehrten Europaschulen in Berlin schaffen. Wenn sie nicht lernten, sich zu konzentrieren, würden sie es vermutlich auf gar keine Schule schaffen. Meine Kinder würden später nicht an der Globalisierung scheitern, sondern am Versagen ihrer Mutter bei der Kita-Wahl, sie wären dem Wettstreit mit ihren Altersgenossen um Ausbildungs- und Arbeitsplätze nicht gewachsen, wenn ich jetzt nicht handelte. Unmöglich konnte ich mich für den erstbesten Kindergarten entscheiden, also vereinbarte ich Termine in den unterschiedlichsten Einrichtungen, rund 25 waren es am Ende einer einjährigen Suche.
Welcher Kindergarten sollte es sein? Der beste, ganz klar. Nur – was war »gut«? Damals wusste ich gar nicht, was ich suchte, aber ich nahm jede Empfehlung gierig auf. Sehr wenige Kitas kamen überhaupt infrage. Oft wusste ich schon am Eingang, dass sich der Besuch nicht lohnte. Wenn es beispielsweise nach Tütensuppe roch oder einer dieser Teewagen aus Stahlrohr an mir vorbeiratterte, der mit seinen Teekannen und Kekstellern an eine Krankenhausstation erinnerte. Ich lernte, die unterschiedlichen Typen von Pädagogen zu unterscheiden – von bräsigen Basteltanten, die seit Jahren das immergleiche Programm abspulen, über schlecht gelaunte Aufpasserinnen bis hin zu engagierten Erzieherinnen. Bald wusste ich: Gute Erzieherinnen sind das, was ich suche. Gute Erzieherinnen, sagte mir jedoch der Leiter einer Kita, die zu den begehrtesten in der Stadt gehört, seien schwer zu finden. »Wir bekommen zwei- bis dreitausend Bewerbungen auf jede Stelle, nur zehn davon werden überhaupt zu einem Gespräch eingeladen. Oft müssen wir dreimal inserieren, bis wir gefunden haben, was wir suchen.« Mit rund 1000 Euro Einkommen bei einer 40-Stunden-Woche liegt der durchschnittliche Stundenlohn einer Erzieherin bei ihrem Berufseinstieg kaum über dem eines ungelernten Babysitters. Kein Wunder also, dass viele von ihnen so schlecht gelaunt sind.

Durch Freundin E. erfuhr ich vom Konzept der Waldkindergärten. Dort sind die Kinder so viel draußen wie nur möglich – es gibt kein Kita-Gebäude, sondern nur einen Bauwagen als Unterschlupf, wenn es regnet, und an Spielzeug steht nur das zur Verfügung, was die Natur den Kindern bietet. Baumstämme, Pfützen, Steine. Freundin E. argumentierte, die Natur sei das Einzige, was wir Eltern aus dem großstädtischen Mittelstandsmilieu unseren Kindern nicht bieten könnten. Intellektuelle Anreize bekämen sie zu Hause genug – nicht aber freie Natur. Zudem seien Waldkindergarten-Kinder statistisch viel seltener krank als andere Kinder. Das schien mir plausibel, also fuhr ich mit E. eines Vormittags in den Grunewald, wo wir mit der Leiterin des Waldkindergartens in ihrem Bauwagen verabredet waren. Die Wegbeschreibung war vage, wir gerieten immer tiefer in den Wald hinein und stolperten durchs Gehölz, vorbei an Hunden und Nordic Walkern, es begann zu regnen, und als wir uns zurück zum Auto flüchteten, fanden wir es aufgebrochen, ein Kinderrucksack auf dem Beifahrersitz war offenbar für die Diebe Anreiz genug. Mein Interesse am Wald und an seinen Möglichkeiten für die Kinder verschwand auf einen Schlag. Natürlich war das rational durch nichts zu begründen, aber Vernunft ist nicht das oberste Kriterium auf der Suche nach einem Kindergarten. Man lässt sich von Gefühlen leiten.

Ich fühlte mich wie ein Kind, das die anderen nicht mitspielen lassen
Wie wäre es anders zu erklären, dass ich tatsächlich darüber nachdachte, meine beiden Dreijährigen in eine Babygruppe zu geben, nur weil dort die Ausstattung so geschmackvoll war, die Lampen so modern, die Mütter so lässig? Dass ich den Telefonhörer grußlos auf die Gabel knallte, als mir eine Kita-Leiterin nüchtern mitteilte, eine Bewerbung mache keinen Sinn, denn vor mir stünden 200 Namen auf der Warteliste? Dass ich weinte, als die Absage eines Kindergartens kam, den ich herausragend fand? Ich fühlte mich selbst wie ein Kind, das die anderen nicht mitspielen lassen oder nicht zur Geburtstagsparty einladen. Abgewiesen. Ausgeschlossen. Irgendwas läuft hier grundlegend falsch, dachte ich auf meiner Suche. Nicht ich sollte mich um einen Platz bewerben müssen, sondern die Kita darum, unsere wunderbaren Kinder aufnehmen zu dürfen. Eine Freundin erzählte von dem demütigenden Moment, als sie sich vor der versammelten Elternschaft eines Kinderladens vorstellen musste und dann hinausgeschickt wurde, damit über sie abgestimmt werden konnte. Sie hat den Platz bekommen – und leistet, neben ihrer Berufstätigkeit, regelmäßig Putz- und Kochdienst im Kinderladen.
Den schönsten Vormittag verbrachten wir im Musikkindergarten, einer Initiative von Daniel Barenboim. Vordergründig ist es eine ganz normale Kita, in der Kaufladen gespielt wird und Lego und Ball. Dass Musik hier jedoch eine zentrale Rolle spielt, merkt man daran, dass die Musikinstrumente genauso zugänglich sind wie das Spielzeug, und auch daran, wie konzentriert die Kinder miteinander singen oder sich eine Schallplatte anhören. Musik wird nicht ehrgeizig antrainiert, sondern beiläufig in den Kita-Alltag integriert. Regelmäßig stellen Musiker der Staatsoper ihre Instrumente vor, an unserem Besuchstag war es ein Argentinier mit seinem Horn. Liebevoll zerlegte er das Horn und erklärte es den Kindern, nie zuvor waren die Zwillinge so gebannt bei einer Sache, die nichts mit Fernsehen zu tun hat oder mit Eis.
Wäre es nach unseren Kindern gegangen, hätten sie sich wohl für den Jüdischen Kindergarten entschieden. Dort wurden sie beim Vorstellungsgespräch an wogende Busen russisch sprechender Frauen gedrückt, bekamen warme Milch zu trinken und hörten im Nachbarzimmer Kinder beim Tanzen vor Vergnügen kreischen. Hätten sie lesen können, hätte ihnen bestimmt der Zettel am Schwarzen Brett mit dem Wochenprogramm gefallen. »Wir feiern Schlomos Geburtstag« stand dort unter Montag, »Wir feiern Tamaras Geburtstag« unter Dienstag, »Wir feiern Jakobs Geburtstag« unter Donnerstag. Für Mittwoch war »Wir gehen auf den Spielplatz« geplant, aber das hatte jemand durchgestrichen und den Wetterverhältnissen angepasst: »Wir spielen im Schnee«. Dass ich die Kinder dort nicht angemeldet habe, liegt unter anderem an der Sicherheitsschleuse, durch die man den Kindergarten betreten muss, und an den bewaffneten Polizisten vor der Tür.
Am Ende meiner Suche wusste ich, dass es die perfekte Kita nicht gibt. Mir wurde klar, dass nicht die Anzahl der Kindergärten, wie so oft behauptet, das Problem ist, sondern deren Qualität. In fast allen Kitas hätten wir – nach einem Jahr Vorlaufzeit – einen Platz bekommen. Dort, wo wir scheiterten, sind die Auswahlkriterien teilweise diffus, teilweise einleuchtend. Dass erst die Geschwister von Kindern, die bereits in der Kita sind, berücksichtigt werden, ist verständlich. Ebenso das Kriterium eines internationalen Kindergartens, der zunächst ausländische Kinder berücksichtigt, die darauf angewiesen sind, Englisch zu sprechen. Auch Alter und Geschlecht spielen bei der Zusammenstellung der Gruppen eine Rolle. Nicht selten sind es jedoch Sympathie und Beziehungen, die über die Platzvergabe entscheiden. Natürlich kann niemand das nachprüfen, doch Macht und Willkür von Kita-Leitungen sind grenzenlos. Ein bisschen ist es wie auf der Wohnungssuche. Ob die Wohnung gefällt, weiß man in dem Moment, in dem man sie zum ersten Mal betritt. Um sie dann zu bekommen, helfen Nachdruck und gelegentlich wohl auch ein bisschen Schmiergeld.
Am Ende bin ich wieder in der Kita unserer Straße gelandet. Es war die richtige Entscheidung. Manchmal denke ich zwar mit Wehmut an den Musikkindergarten, gegen den wir uns wegen seiner ungünstigen Lage entscheiden mussten. Aber ich fand es wichtig, die Zwillinge in der Nachbarschaft zu verankern, und wir wollten den Tag lieber entspannt beginnen, anstatt die Kinder im Morgengrauen in die Autositze zu zwingen, um sie pünktlich im Waldorf-, Privat- oder Was-auch-immer-Kindergarten am anderen Ende der Stadt abzuliefern. Ein Dreivierteljahr lang haben die Zwillinge die gelbe Kita besucht, sie hatten es gut und haben einiges gelernt – zwar nicht, ein Fagott von einem Horn zu unterscheiden, aber auf einem Bein zu hüpfen und sich die Schuhe anzuziehen. Der Ton war ein bisschen rau in der gelben Kita, aber so ist ja auch die Wirklichkeit.

Nächste Woche ziehen wir in einen neuen Stadtteil. Die Kindergartenfrage ist noch nicht gelöst.

Der Schatz der frühen Jahre

Der Schatz der frühen Jahre
Die Kitas sollen uns aus Integrationskrise, demografischer Katastrophe und Schulmisere retten, das Wertevakuum füllen und Fundament des Bildungssystems werden. Und all das soll natürlich gar nichts kosten
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Text von Martin Spiewak aus die „DIE ZEIT“ Nr. 27 vom 29.06.2006, S.29
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So sieht Bildung aus: In der Kita Am Zeisigberg können die Kinder beim Treppensteigen rechnen lernen. Jede Stufe, die zu ihrem Spielhaus führt, trägt neuerdings eine Ziffer. Wer zwei Schritte macht und drei dazu, landet bei der Fünf. Mathematik im Vorübergehen. Die Stiege mit Zahlen zu bestücken ist nur eine der vielen kleinen Ideen, die der Kindertagesstätte im brandenburgischen Städtchen Müllrose eine Auszeichnung eingebracht haben. Seit Herbst vergangenen Jahres ist sie stolze Trägerin des Deutschen Kindergarten-Gütesiegels, einer Art TÜV-Plakette für gute Kita-Qualität.

Rund 200 Kindertageseinrichtungen haben sich mittlerweile von PädQUIS, einem Institut der Freien Universität Berlin, prüfen lassen, 40 Prozent im ersten Anlauf mit Erfolg. Alles werde in Deutschland getestet, Autos, Tiefkühlpizzas, Schönheitscremes, sagt Wolfgang Tietze, der Erfinder des Gütesiegels: »Nur über die Qualität von Kindergärten weiß man bislang wenig.« Dabei wirkt es sich noch Jahre später aus, wenn Kinder ihre durchschnittlich 4000 Kita-Stunden in einer guten Einrichtung verbringen. Sie haben einen größeren Sprachschatz, zeigen bessere Leistungen in der Schule und ein positiveres Sozialverhalten.

Als Spielzimmer des Bildungshauses galt der Kindergarten noch vor wenigen Jahren. Jetzt soll er zum Fundament werden. Denn schon bei den Kleinsten, lautet neuerdings die Devise, beginnen die deutschen Schulprobleme. Unsere Migrantenkinder verstehen in der ersten Klasse kaum ein Wort Deutsch? Ab in die Kita zum Sprachtraining! Frauen sollen Kinder kriegen und zugleich arbeiten? Schafft endlich mehr Kindergartenplätze, wo auch Akademikerinnen ihren Nachwuchs guten Gewissens lassen! Ob Schulmisere oder Integrationskrise, demografische Katastrophe oder Wertevakuum – kaum ein gesellschaftliches Problem, das der Kindergarten nicht richten soll.
Auch die Politik hat die Frühförderung entdeckt. Wenn es um die pädagogische Allzweckwaffe Kita geht, regiert in Deutschland die ganz große Koalition von PDS bis CSU. Fast alle Bundesländer haben ihre Kindergartengesetze umgeschrieben und so genannte Bildungspläne erlassen, die festlegen, was die Kinder bis zur Einschulung lernen sollen. Nordrhein-Westfalen etwa will die Sprachförderung sowie die enge Zusammenarbeit mit der Grundschule zur Pflicht erheben. Die Kitas sollen den Entwicklungsstand jedes Kindes dokumentieren und gesundheitliche Schäden erkennen. Der neue Ehrgeiz kommt bei den Erziehern durchaus an. »Erstmals fühlen sich die Kollegen ernst genommen«, sagt Norbert Hocke von der Gewerkschaft Bildung und Wissenschaft (GEW).
Um sein Gütesiegel zu erlangen, musste sich der Kindergarten Am Zeisigberg einem peniblen Qualitätscheck unterziehen. Zwei Tage durchleuchteten die Prüfer jeden Aspekt des Kita-Alltags – von der Ausstattung über die Pädagogik bis zur Hygiene – und vergaben dafür Noten. Werden die Erzieher drei Monate alten Babys ebenso gerecht wie sechsjährigen Vorschülern? Wo erfassen sie die Fortschritte der Kinder? Warum gibt es in der Kita viele weiße Puppen, aber nur eine schwarze? Die Inspektoren befragten die Eltern, ob sie sich ausreichend über ihre Kinder unterrichtet fühlten, schauten in alle Steckdosen und kontrollierten, ob das Wasser aus den Hähnen nicht zu heiß flösse. Anderthalb Jahre hatten sich die Erzieher auf diesen Besuch vorbereitet. Sie hatten die Räume umgebaut, neue Lernmaterialien besorgt und waren zu Fortbildungen gegangen. Ein detailliertes Zeugnis und ein Schild am Kita-Eingang belohnen nun ihre Mühe. »Wir wollen den Eltern garantieren, dass ihre Kinder bei uns gut aufgehoben sind«, sagt Kita-Leiterin Kathrin Unglaube.

Welch ein Wandel! Um als gute Kita zu gelten, reichten lange Zeit helle Räume, elternfreundliche Öffnungszeiten und nette Kindergärtnerinnen, die am Rand der Sandkiste nicht rauchten. Stand gar noch ein Öko-Essen auf dem Speiseplan, waren selbst kritische Akademikereltern zufrieden. In gezielter Abgrenzung zur staatlich organisierten Rundumversorgung der Kleinsten in der DDR regierte im Westen bis Ende der neunziger Jahre die gezielte Anspruchslosigkeit.
Frühestens ab drei Jahren sollten die Kinder von der Mutter getrennt werden, und dann auch bitte nur am Vormittag. Gleichzeitig galt es, die Mädchen und Jungen mit möglichst intensiven Spielen, Singen und Basteln vor jeder Art von Bildung zu bewahren. Zahlen und Buchstaben hatten in der Kita nichts zu suchen. Über Jahrzehnte sei die Bedeutung der Jahre vor der Schule »systematisch unterschätzt« worden, kritisiert Wassilios Fthenakis, ehemaliger Leiter des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München.
Erst der Pisa-Schock brachte die Wende und lenkte den Blick nicht nur auf die Schule, sondern ebenso auf die Jahre davor. Dabei entdeckte man, dass ausgerechnet jene Nation, die einst den »Kindergarten« erfand und damit einen Begriff schuf, den heute selbst Franzosen, Engländer oder Spanier verstehen, inzwischen selbst zu einem frühpädagogischen Entwicklungsland geworden war (jedenfalls in Westdeutschland). Zwar haben alle Eltern für ihre Kinder ab drei Jahren seit 1996 einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz. Doch der gilt in der Regel nur für vier Stunden am Vormittag. Nur jede dritte Kita bietet in den alten Bundesländern überhaupt eine Ganztagsbetreuung an. Noch schlechter ist hier die Versorgung der Kinder unter drei Jahren. Nur drei von hundert Kindern finden in diesem Alter eine Krippe.
Denkbar niedrig ist auch das Ausbildungsniveau. Das deutsche Kita-Personal lernt auf Fachschulen. Im Gegensatz zu fast allen anderen Ländern Europas benötigt nicht einmal die Leitung einer Einrichtung hierzulande ein Hochschulstudium. In der Medizin wäre das so, als ließe man Vorschulkinder nur von Krankenschwestern behandeln, da man universitär ausgebildete Ärzte für dieses Alter nicht für nötig hielte. Für Abiturienten ist der Erzieherberuf deshalb unattraktiv, selbst guten Realschülern bietet er kaum eine berufliche Perspektive. Die Schmalspurausbildung hat Folgen. »Vierjahreszeiten-Pädagogik« nennen Kritiker den ewig gleichen Rhythmus, an dem sich noch immer viele Kitas entlanghangeln: Zu Ostern werden Körbchen gebastelt, im Herbst Blätterbilder geklebt, im Winter Weihnachtssterne.
Neue wissenschaftliche Erkenntnisse wie jene des in Bielefeld lehrenden Pädagogen Gerhard Friedrich finden nur schwer den Weg in den Arbeitsalltag der Erzieher. Friedrich schickte Kita-Kinder ins »Zahlenland«, wo sie mit Märchen, Spielen und Musik die Ziffern eins bis zehn erkunden sollten. Bereits nach zehn Stunden gezielt-spielerischen Trainings waren diese Kinder anderen Gleichaltrigen im Zahlenverständnis um ein Jahr voraus. Noch am Ende der ersten Grundschulklasse konnte Friedrich die positiven Effekte nachweisen. Derartige empirische Untersuchungen sind hierzulande selten. Als eine Kommission der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vor zwei Jahren Deutschland besuchte, zählten die Experten nur eine Hand voll Professorenstellen für Elementarpädagogik – weniger als für japanische Sprache, wie die internationalen Experten in ihrem Abschlussbericht spitz anmerkten.
Didaktische Konzepte wie das »Zahlenland«-Material erfreuen sich in Kitas großer Nachfrage. »Anders als viele Lehrer sind Erzieher bereit, auch mal Freizeit für ihre Fortbildung zu investieren«, sagt GEW-Funktionär Hocke. Gleichzeitig jedoch fragten sich viele Kollegen, wie sie den neuen Anforderungen gerecht werden sollten. Das ist der Hauptwiderspruch der Kita-Offensive: Die Einrichtungen erhalten eine Menge zusätzlicher Aufgaben, aber kein zusätzliches Personal. Auch für Schulungen stellen die meisten Bundesländer kein Extrageld zur Verfügung.
Schon die Kindergartenplatzgarantie von 1996 hatte ihren Preis: Qualitätsstandards wurden gesenkt, Gruppen vergrößert, weniger qualifizierte Mitarbeiter eingestellt. Diese Politik wiederholt sich nun. »Alles soll anders und besser werden, doch es darf nichts kosten«, kritisiert Ilse Wehrmann, langjährige Leiterin der Bundesvereinigung Evangelischer Kindergärten. In Bremen etwa kommen auf eine Erzieherin 20 Mädchen und Jungen; viele stammen aus Migrantenfamilien. »Unter solchen Bedingungen ist es unmöglich, jedes Kind individuell zu fördern«, sagt Wehrmann.

Längst sprengen die neuen Aufgaben das enge Zeitkorsett, das den Kita-Alltag einschnürt. Lehrer verfügen über Stunden zur Unterrichtsvorbereitung; im Arbeitsalltag eines Erziehers sind dafür wenige Minuten vorgesehen. Ein Elterngespräch oder ein naturwissenschaftliches Experiment aber lassen sich nicht nebenbei planen. Das gleiche Dilemma trifft die Kinder. Muss man die ehrgeizigen Bildungspläne in den vorgesehenen vier Stunden am Vormittag abarbeiten, wird die Kita – Montag gibt es Mathe, Dienstag Biologie – schnell zur Schule. Doch die Jüngsten lernen spielerisch nebenbei, nicht im Stundentakt.

Das schöne neue Kita-Land Bundesrepublik existiert bislang vielerorts nur auf dem Papier. Das gilt besonders für die Prestigeobjekte der Frühförderung. Bundesministerin Annette Schavan (CDU) wirbt mit baden-württembergischen Bildungshäusern, in denen »Drei- bis Zehnjährige gemeinsam lernen«. Noch tun sie dies jedoch allein in der Koalitionsvereinbarung der neuen schwarz-gelben Regierung im Ländle.
Nordrhein-Westfalen plant, jede dritte Kita zu einem so genannten Familienzentrum auszubauen. Nach dem Vorbild der englischen Early Excellence Center sollen hier Väter und Mütter gerade aus sozial schwachen Verhältnissen neben der Kinderbetreuung auch Erziehungstipps oder Berufsberatung erhalten. Mehr Mittel waren für die Kindergärten jedoch nicht vorgesehen. Nicht einmal die Kita-Leiterinnen sollten für ihre neue Aufgabe, die Hilfsangebote aus dem Stadtteil zu koordinieren, entlastet werden. Die Gefahr sei groß, hieß es bei einer Expertenanhörung, dass die Kitas nur einen neuen Namen bekommen und sonst alles beim Alten bleibt. Immerhin, nun wird das Konzept überarbeitet.
Ein Gegenbeispiel ist Rheinland-Pfalz, wo Bildungsministerin Doris Ahnen mit weniger Getöse, aber Substanz die Frühförderung anpackt. Das Land verzichtet (ähnlich wie das Saarland) auf die Elternbeiträge im letzten Kindergartenjahr und weitet den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz Stück für Stück auch auf die Zweijährigen aus. Gleichzeitig stellt es jährlich zwei Millionen Euro für Fortbildungen zur Verfügung, um den Erzieherinnen den Bildungsplan des Landes nahe zu bringen. Wie ein unsichtbares Curriculum soll er sich als roter Faden durch die Kita-Tage der Kinder ziehen.

Ohne zusätzliches Geld werde sich die Qualität der Kitas allerdings nicht verbessern, prophezeit Stefan Sell, Sozialökonom an der Fachhochschule Koblenz. Rund 0,5 Prozent seines Bruttosozialprodukts verwendet Deutschland für die frühkindliche Bildung und Betreuung. Das ist weit weniger, als Länder wie Frankreich (0,7), Dänemark (0,8) oder Norwegen (1,0) investieren, und weit von der Ein-Prozent-Marke entfernt, welche die OECD empfiehlt. Zudem sind die Elternbeiträge hierzulande so hoch wie sonst in kaum einem anderen Land. In Berlin beispielsweise beträgt der Höchstsatz monatlich 400 Euro für eine Tagesbetreuung.
Rund 2,7 Milliarden Euro wären laut Kinder- und Jugendbericht nötig, um für alle Kinder unter sechs Jahren, deren Mütter und Väter dies wollen, einen Ganztagsplatz zur Verfügung zu stellen – eine Milliarde weniger, als Familienministerin Ursula von der Leyen zukünftig für das Elterngeld ausgeben will. In Kindergärten wäre die Summe besser investiert, mangelt es heutigen Familien doch weniger am Geld als an Betreuungsplätzen. Doch der Bund darf nicht zahlen: Für die Kita-Finanzierung sind die Länder und dort vor allem die Kommunen zuständig. Deren Kassen aber sind leer. Umgekehrt fließen die finanziellen Erträge eines Kita-Ausbaus wiederum dem Bund zu, indem mehr arbeitende Frauen Geld in die Steuer- und Sozialkassen zahlen. »Warum sollte ein Bürgermeister da in seine Kitas investieren?«, fragt Ökonom Sell.

Der gesamtgesellschaftliche Ertrag einer guten Kinderbetreuung ist enorm. Doch bei einer derart komplizierten Gemengelage geht diese Einsicht leicht verloren. Einer berühmten amerikanischen Langzeituntersuchung zufolge wirft jeder Dollar, die der Staat in eine gute Früherziehung investiert, bis zu sieben Dollar Rendite ab: durch geringere Sozialhilfeausgaben, höhere Steuereinnahmen, abnehmende Kriminalität. Leider stellen sich die Gewinne erst nach Jahrzehnten ein, wenn die Kinder erwachsen sind und einen Job haben, statt Sozialhilfe zu beziehen – ein Zeithorizont, der eine Legislaturperiode übersteigt.

vgl. auch http://www.zeit.de/audio

Erziehen – aber wie? Erziehungsprogramme im Vergleich

Erziehen – aber wie? Erziehungsprogramme im Vergleich

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... aus der Zeitschrift KIDSgo! 5. Jahrgang, II. Quartal, S.23ff www.kidsgo.de
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Triple P – “Positive Parenting Program”

Kinder in ihrer Entwicklung zu fördern, ihnen ein positives Selbstbild zu vermitteln und in Konflikten konstruktiv statt verletzend zu handeln, das ist das Ziel des „Positive Parenting Program“, kurz Triple P genannt. Das an der University of Queensland, Australien von Dr. M. Sanders und seiner Arbeitsgruppe entwickelte Programm basiert auf Methoden der modernen Verhaltenstherapie und soll Verhaltensauffälligkeiten vorbeugen. Ausgangspunkt zur Veränderung einer Situation sind die angemessene Kommunikation mit dem Kind. Um dem Kind beizubringen, Grenzen zu akzeptieren und mit Enttäuschungen umzugehen, sollen wenige, aber verbindliche Regeln aufgestellt werden, mit denen die Eltern konsequent, direkt und entschieden auf das Verhalten des Kindes reagieren. Zu den häufigsten Problemsituationen (Essen, Einschlafen, etc.) gibt das Programm detaillierte Handlungsanweisungen. Checklisten werden eingesetzt, um das Verhalten zu dokumentieren, Punktekarten dienen als Motivationshilfe und Belohnungssystem für die Kinder, um neu Erlerntes zu behalten.

„KIDSgo!-Kommentar“:
Kritische Stimmen zu Triple P bemängeln vornehmlich die „kochbuchhafte Erziehungsanleitung“ einiger Triple P-Materialien. Sie würden besondere familiäre Umstände, Ausnahmesituationen oder die jeweilige Entwicklungsphase des Kindes häufig unbeachtet lassen, so „dass grundsätzlich begrüßenswerte Inhalte leicht in das Gegenteil umkippen und dann rigide, beziehungslose, dressurmäßige Erziehungshaltungen begünstigen“ (Prof. Dr. Günther Deegener, Uni-Nervenklinik Saarland). Eltern, die Triple P anwenden – so eine Studie der TU Braunschweig – empfinden das Training als hilfreich und geben an, dass sich das Verhalten des Kindes und die Eltern-Kind-Beziehung dadurch verbessert hat.


STEP – Systematic Training for Effective Parenting
Kinder zu kooperativen, verantwortungsbewussten Menschen zu erziehen, ist das Ziel von STEP. Das „Systemische Training für Eltern“, so die deutsche Übersetzung, versteht sich als präventives Programm, bei dem Eltern in wenigen Stunden konkrete Strategien erfahren, um immer wiederkehrende Konfliktsituationen zu meistern und damit unnötigen Stress und Streit bei der Erziehung zu vermeiden. Schwerpunkt des Trainings, das von amerikanischen Familientherapeuten entwickelt wurde, ist es, Grenzen zu setzen, innerhalb derer die Kinder entscheiden können. Damit hat sich STEP dem demokratischen und selbstbestimmten Grundsatz verpflichtet, der allerdings auch beinhaltet, dass die Kinder die Konsequenzen ihrer Entscheidung tragen. Während der Kurse lernen Eltern das Verhalten der Kinder aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten und die Stärken ihres Sprösslings zu fördern, anstatt sich immer wieder in Machtkämpfe verwickeln zu lassen. In spannungsgeladenen Situationen sollen die Eltern den Konflikt zunächst mithilfe einfacher Fragen analysieren, z.B.: „Wie fühle ich mich jetzt? Was will das Kind mit seinem Handeln bezwecken?“, um die eigenen, negativen Emotionen besser zu kontrollieren und angemessen handeln zu können. Ziel ist es, Schritt für Schritt eine Beziehung entstehen zu lassen, die von gegenseitigem Respekt getragen ist. und die Individualität des einzelnen Kindes sowie die Werte des einzelnen Kindes sowie die Werte der jeweiligen Familie berücksichtigt. STEP gibt Eltern klar strukturierte Regeln für den gegenseitigen Umgang, die Orientierung vermitteln und dem Kind helfen sollen, ohne es zu drillen.

„KIDSgo!-Kommentar“:
Sehr wirkungsvolles, sehr amerikanisches Programm, das die Durchsetzung des gewünschten Verhaltens auf Basis einer Entscheidung innerhalb vorgegebener Grenzen unterstützt. Konfliktsituationen enden häufig mit dem Satz: „Du entscheidest“ – mit dem sich das Kind für oder gegen definierte Folgen mit seinem Verhalten entscheiden kann.


STARKE ELTERN – STARKE KINDER
„Mitdenken statt vordenken, gemeinsam vorankommen statt jemandem Anweisungen erteilen, Eltern und Kinder ernst nehmen und an ihrer Seite bleiben. Das sind, so der Deutsche Kinderschutzbund (DKSB) in seinem Jahresheft „Starke Eltern – Starke Kinder 2005“ „die Zutaten, die Eltern in den Niederungen des Alltags stark machen“. Informativ und unterhaltsam stellt das Heft viele Tipps, Anregungen und Hilfen für den Erziehungsalltag vor – oft mit einer Prise Humor und einem Augenzwinkern. Der Deutsche Kinderschutzbund will Eltern Mut machen und ihnen Entlastung im Erziehungsalltag bieten. In seinem Konzept setzt der DKSB auf gegenseitige Achtung und Anerkennung und Freude – und vermittelt diese Haltung auch in den gleichnamigen Seminaren zum Thema. In den Kursen definieren und reflektieren die Eltern gemeinsam mit den Trainern individuelle Erziehungsziele, -werte und
-vorstellungen. Die Bedürfnisse und Rechte von Kindern und Eltern werden beleuchtet, die Kommunikation in der Familie unter die Lupe genommen und last, not least, der Umgang mit Konflikt trainiert, um – so der vielfach geäußerter Wunsch der Eltern – eine gewaltfreie Erziehung zu realisieren.


„KIDSgo!-Kommentar“:
Programm, dass das Selbstbewusstsein von Kindern und Eltern fördert, mit dem Ziel – jenseits von Machtpositionen – gewaltfrei, entspannt und freundlich miteinander umzugehen.


Gordon-Familientraining
Eine glückliche Kindheit in einer Familie, in der Demokratie und Gleichberechtigung herrschten, ist Ziel und Herkunft von Dr. Thomas Gordon, dem Begründer des Gordon-Familientrainings. Das Programm ist für Eltern gedacht, die ihren Kindern Selbstwert, Selbstvertrauen und Eigenständigkeit vermitteln möchten. In unterschiedlichen Workshops erfahren die Teilnehmer praktische Hilfe zu den Themen: Klare Kommunikation, wirksame Grenzen setzen ohne zu verletzen, Wertkonflikte und Einfluss auf Kinder nehmen sowie Kindern hilfreich beistehen. Dabei werden Glaubenssätze wie „Eltern müssen ihre Kinder immer lieben“ oder „Eltern müssen ihren Kinder gegenüber immer konsequent sein“, schnell als Mythen entlarvt. Im Mittelpunkt steht vielmehr der Umgang mit der Tatsache, dass Beziehungen immer durch Persönlichkeiten, Stimmungen, Bedürfnisse und Konflikte geprägt sind – auf Eltern- wie auf Kinderseite. Ziel des Gordon Familientrainings ist es Beziehungen tragfähig, krisensicher und befriedigend für alle Beteiligten zu gestalten. Ich Botschaften, aktives Zuhören und die Analyse von Konfliktsituationen sind Verhaltensweisen, die in Kursen vermittelt werden. Hinweise für eine angemessene elterliche Reaktion auf Konflikte, sind in erster Linie die Antworten auf zwei Fragen: Erstens, ob das Verhalten des Kindes für die Eltern annehmbar oder unannehmbar ist und was die Eltern tun können, um das Verhalten so zu ändern, dass es annehmbar ist. Und zweitens, die Frage, wer ein Problem mit der Situation hat – Eltern oder Kind, die extrem hilfreich ist. Sie schützt den Elternteil davor Probleme zu bearbeiten, die nicht sein sind und das Kind vor der Einmischung der Eltern in seine eigene Problemlösungen. Selbstverständlich stehen die Eltern dem Kind jederzeit als Ratgeber zur Problemlösung zur Verfügung, können vermitteln oder gemeinsam mit dem Kind die Konflikte lösen. Wichtig ist vor allem, dass die Bedürfnisse von Eltern und Kindern gleichberechtigt betrachtet werden, damit es zu Lösungen kommen kann, in denen keiner der Betroffenen zum Gewinner oder Verlierer wird, sondern die eigene Persönlichkeit angstfrei und vertrauensvoll entfalten kann.

„KIDSgo!-Kommentar“:
Programm, das von gleichberechtigten Interessen und Bedürfnissen ausgeht und Lösungen ohne Niederlagen sucht. Die Methode, Situationen durch das „Verhaltensfenster“ zu betrachten erleichtert es, schwierige Situationen distanzierter zu betrachten und sich nicht für alles verantwortlich zu fühlen.


Unterschiedliche Herkunft – gemeinsames Ziel
So unterschiedlicher Herkunft die vorgestellten Erziehungsprogramme auch sein mögen, sie verfolgen alle ein gemeinsames Ziel: eine erfüllende Eltern-Kind-Beziehung aufzubauen, die Entwicklung des Kindes zu fördern und den Eltern die Fähigkeit zu vermitteln, schwierige Situationen gelassener und konstruktiver zu lösen. Fast alle Programme setzen dabei auf den Ansatz der positiven Erziehung. Dessen Ziel ist es, Kinder durch positive Reaktionen auf erwünschtes Verhalten zu bestärken, während unerwünschtes Verhalten ignoriert werden soll. Die Inhalte und Ansätze der unterschiedlichen Programme werden in Kursen, Wochenendseminaren oder Workshops vermittelt. In kleinen Gruppen werden konkrete Alltagssituationen diskutiert und analysiert. Das neue Verhalten können die Teilnehmer dann gemeinsam mit qualifizierten Trainern in Rollenspielen ausprobieren und reflektieren. Info- und Begleitmaterial bieten die Möglichkeit, das Erlernte bei Bedarf zuhause noch mal nachzuschlagen.

Welches Programm ist das Richtige für mich?
Die Vorstellung der Programme kann lediglich als grobe Orientierung dienen. Alle vorgestellten Kurse sind wissenschaftlich fundiert und erprobt. Falsch machen können Sie bei der Auswahl also nichts. Entscheidend sollte sein, dass Sie sich in dem Kurs verstanden und gut aufgehoben fühlen. Und, dass die Ziele des Programms mit ihren familiären Wert- und Moralvorstellungen übereinstimmen. Nur dann können sie die Tipps und Ratschläge auch langfristig umsetzen und Verhaltensänderungen bewirken.

Mehr Infos über die verschiedene Programme und Anbieter für Familien und Kinder finden Sie im Internet, z.B. unter:

http://mut-ev.org (!)

http://www.triplep.de
http://www.instep-online.de
http://www.starkeeltern-starkekinder.de
http://www.gordon.at

vgl. hierzu auch das Berliner Bildungsprogramm unter http://www.senbjs.berlin.de/bildung/bildungspolitik/berliner_
bildungsprogramm/berliner_bildungsprogramm_2004.pdf

Mutter schafft ganz schwer

Mutter schafft ganz schwer

Politiker und Demografen fordern, dass Frauen wieder mehr Kinder kriegen sollen. Welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Balanceakte Frauen mit Kinder regelmäßig zu bewältigen haben, beweisen nicht nur Sozialstatistiken.
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Text von Eva Apraku – aus Tipp 09/06: 20.04. – 03.05 – Berlin 2006
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„Deutschland stirbt aus“, schlagzeilt es seit einigen Monaten in der bundesrepublikanischen Medienlandschaft. Schuld an diesem Dilemma haben natürlich die Frauen. Vor allem den Akademikerinnen wirft man vor, ihren potentiellen Nachwuchs – ganze Legionen hochbegabter Kinder, die den Standort Deutschland sichern könnten – aus rein egoistischen Motiven der Bundesrepublik vorzuenthalten. 43 Prozent der Hochschulabsolventinnen, so die Stichprobenerhebung des Statischen Bundesamtes von 2005, bleiben kinderlos.
In Berlin scheint dabei der Entschluss, ein Kind zu bekommen, von den Frauen besonders aufgeschoben zu werden. Während im Jahr 2000 Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes bundesweit 28,2 Jahre alt waren, zählte die Berlinerin bereits stolze 29,8 Jahre. Schieben viele Berlinerinnen ihren Kinderwunsch weiter auf, weil sie lange studieren und dann vor dem Berufseinstieg etliche unbezahlte Praktika absolvieren müssen? Ist es die überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit, die in Berlin Angst vor der Erziehungsverantwortung macht? Oder liegt es schlicht an dem stark individualisierten Großstadtleben mit seinem Hang zu unverbindlichen Beziehungen, dass es seltener zu stabilen Partnerschaften kommt, in denen auch Kinder einen Platz finden? Umfrageergebnisse der verschiedensten Meinungsforschungsinstitute zeigen, dass es nicht das eine Argument gibt, sondern es sich um ein ganzes Bündel von Gründen handelt, warum Frauen sich mit der Entscheidung für ein Kind zunehmend schwer tun. Das immer noch unzureichende familiäre Engagement der Durchschnittsväter, fehlende beziehungsweise unflexible Betreuungseinrichtungen sowie schlechte Karriereaussichten gelten bei Frauen als weitere Gründe, die gegen Kinder sprechen.

Denn dass das Vorhandensein von Kindern die Möglichkeit der Frau, ihr Schicksal selber in die Hand zu nehmen, stark einschränkt, zeigt sich besonders deutlich an der Situation der Alleinerziehenden. Von den, laut einer Erhebung des Statischen Landesamtes Berlin aus dem Jahr 2004, insgesamt 156.400 hauptstädtischen Ein-Eltern-Familien mit mindestens einem Kind unter 18 Jahren, waren es in immerhin 127.800 Fällen die Frauen, die sich in erster Linie um den Nachwuchs kümmerten. Wobei der Bundesverband allein erziehender Mütter und Väter 2004 festhält, dass „70 Prozent aller Alleinerziehenden ... über ein Nettoeinkommen von unter 900 Euro im Monat“ verfügten und „fast 30 Prozent der allein erziehenden Frauen“ Sozialhilfe beziehen. Umso erstaunlicher, dass sich trotz dieser Drohkulisse Jahr für Jahr immer noch hunderttausende von Frauen in das Abenteuer Mutterschaft stürzen.

Bücher zum Thema:

* Silke Lambeck, Regine Zylka „Das große Jein. Zwanzig Frauen
reden über die Kinderfrage“, Rowohlt Berlin, 16,90 €
* Anna Opel „Guten Morgen, du Müde. Berufstätige Mütter
erzählen“, Schwarzkopf & Schwarzkopf, 9,90 €

Ist mein Kind noch normal?

Ist mein Kind noch normal?

Unruhig und unkonzentriert – bei Kindern mit diesen Symptomen wird heute häufig die Diagnose ADHS gestellt. Zu oft, sagen Experten und kritisieren vor allem die schnelle Verschreibung von Psychopharmaka
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Text von: Martina Landor – Quelle: emotion – Juni 2006, S. 33ff. im Internet unter www.emotion.de
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Die Diagnose stand für den Psychiater schnell fest: Der kleine Andrea (Name von der Redaktion der Zeitschrift emotion geändert) litt an ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom). Schließlich zeigte der Junge aus dem Kosovo einige typische Symptome: Er war zappelig und aggressiv, konnte schlecht schlafen, sich nicht konzentrieren, schrie vermeintlich grundlos. Der Arzt verschreibt dem Kind Ritalin.
Nur: Andreas Zustand besserte sich nicht. Wochenlang nicht. Bis schließlich die Mutter ihr Kind einem weiteren Experten vorstellte. Diesmal landete Andrea in der Familienberatungsstelle für die Städte Wesseling und Brühl bei Diplompsychologe Hans-Reinhard Schmidt. Dieser kam schnell dahinter, was dem Neunjährigen fehlte. Der kleine Kosovo-Albaner war mit seinen Eltern nach Deutschland geflüchtet. Er hatte mit ansehen müssen, wie sein Opa von serbischen Schergen geköpft und seine Schwester vergewaltigt wurde. Das Kind litt nicht an ADHS. Es war kriegstraumatisiert.

Solche Fälle behandelt Psychologe Schmidt immer wieder in seiner Praxis. Und sie verbittern ihn: „Es gibt Kinder, die sind extrem verhaltensauffällig. Und die gehören deshalb auch dringend in therapeutische Behandlung. Wenn sich keine Erklärung findet, nennt man es eben ADHS.“ Eine US-Studie des Department of Psychiatry and Behavioral Sciences am Duke University Medical Center legte diesen Verdacht übrigens schon vor fünf Jahren nahe. Bei 75 Prozent aller Kinder in den USA, die angeblich an ADHS litten, stellten die Wissenschaftler eine Fehldiagnose fest. Für Schmidt sind die Ergebnisse eigentlich nur logisch: „Unter ADHS subsummieren sich alle möglichen psychiatrischen Auffälligkeiten bei Kindern. Im Grunde weiß doch kein Mensch, was sich hinter dem Krankheitsbild wirklich verbirgt.“ Für den erfahrenen Experten steht noch nicht einmal fest, ob ADHS bzw. ADS als fest umrissenes Leiden existiert*. Die Diagnose ADHS wird viel zu häufig gestellt“, kritisiert er.

Eine Krankheit macht Karriere: Erst Mitte der 80er-Jahre hatten sich Nervenärzte darauf geeinigt, die „überstarke, von der Norm abweichende Ausprägung bestimmter Verhaltensweisen bei Kindern als eine spezifische, mithilfe standardisierter diagnostischer Verfahren von ‚normalen’ Verhaltensweisen abgrenzbare Erkrankung zu bezeichnen“, schreibt Prof. Dr. Gerald Hüther.
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(vgl. Gerald Hüther/Helmut Bonney - „Neues vom Zappelphilipp – ADS: verstehen, vorbeugen und behandeln“, erschienen im Walter Verlag, Düsseldorf und Zürich, 2002 – siehe hierzu auch die Bücher von Karl Gebauer/Gerald Hüther (Hrsg.), die durch die Göttinger Fachtagungen von www.win-future.de entstanden sind.)

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Heute gilt ADHS augenscheinlich als eine der häufigsten psychiatrischen Störungen im Kindesalter. 3,9 Prozent der deutschen Kinder und Jugendlichen leiden darunter, so die vorläufige Schätzung im Rahmen des Kinder- und Jugendsurveys des Robert-Koch-Instituts in Berlin. Vermutlich dreimal mehr Jungen als Mädchen sind betroffen.
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(vgl. hierzu Steve Biddulph: „JUNGEN! Wie sie glücklich heranwachsen“, TB, München 05/2002 – sowie ders. „Das Geheimnis glücklicher Kinder“, TB, München 1998 und zudem noch Gerard Jones „Kinder brauchen Monster – Vom Umgang mit Gewaltphantasien“, Berlin 2005)
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Schuld an der Erkrankung, vermuten manche Experten, sei unter anderem ein Fehler im Hirnstoffwechsel. Sprunghaft stieg in der jüngsten Vergangenheit deshalb die Verordnung von Psychostimulanzien wie Methylphenidat (Ritalin), die den kleinen Patienten helfen sollen. Zwei Millionen definierte Tagesdosen – das ist die Menge eines Medikaments, die ein Mensch durchschnittlich an einem Tag erhält – verschrieben die Ärzte Mitte der 90er-Jahre. Im Jahr 2003 hat sich die Zahl der Verschreibungen bereits verzehnfacht. Betroffene Kinder leben fast ausschließlich in Europa oder in den Staaten, sagt Hirnforscher Hüther. Richard De-Grandpre, US-Professor für Psychologie, zieht nüchtern Bilanz: „Eine Generation wird krankgeschrieben.“

Dass Retalin wirkt, lässt sich nicht leugnen: Das Kind kann sich besser konzentrieren, schreit nicht mehr herum, reagiert plötzlich angemessen auf Ansprache. Ein verlockendes Mittel. Und eine Situation, die vermeintlich allen Beteiligten nützt. „Es gibt viele Rat suchende, verzweifelte Eltern, die nicht mehr weiterwissen und sich vordergründig entlastet fühlen, wenn sie hören, dass ein biologischer Defekt im Gehirn für ihrer Kinder für die Probleme verantwortlich ist“, erläutert Prof. Dr. Hüther. „Und es gibt viele Ärzte, die diesen Eltern helfen wollen, nach einfachen, schnell wirksamen Rezepten suchen und deshalb Ritalin verordnen. Und nicht zuletzt gibt es auch noch eine ganze Menge Leute, die sich darüber freuen, dass ein so billiges Präparat derartig gute Umsätze erzielt.“ Der Glaube an das Wundermittel Ritalin treibt seltsame Blüten: In den USA reißen sich so manche Schulen schon um Kinder, die damit behandelt werden, weil sie für jedes verhaltensauffällige Kind eine Zulage von 400 Dollar erhalten. Die ruhig gestellten kleinen Patienten machen aber nicht viel Ärger.

Nur: was macht der Stoff langfristig mit den Kleinen? Manche Forscher äußern die Vermutung, dass das Medikament den Ausbruch der Parkinson-Krankheit im mittleren Erwachsenenalter fördern kann. Ob das Medikament, das in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, in eine Abhängigkeit führt, ist noch nicht erwiesen. Langfristige, aussagekräftige Erfahrungen existieren derzeit nicht. Dr. Michael Huss, Oberarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Charité in Berlin, weist aber auf einen fatalen seelischen Effekt hin: „Üblicherweise nehmen Kinder ihre Schwierigkeiten recht genau wahr“, sagt der Experte. Nach der Tabletteneinnahme realisieren sie ziemlich schnell, dass ihre Seelenpein nachlässt oder sogar verschwindet. Huss weiter: „Treten dann Probleme erneut auf, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie wieder zur Tablette greifen. Damit scheint der Weg zur Tablette als Problemlöser beziehungsweise zur Tablettenabhängigkeit geebnet.“
Kinderpsychiater Huss plädiert deshalb für eine sorgfältige Diagnose. Und dahinter steckt viel Arbeit: Enge Bezugspersonen des Kindes müssen zu Wort kommen, es muss geklärt werden, wie das Kind auf belastende Situationen reagiert – und wie es um seine Begabung steht. Viele vermeintliche ADHSler sind in der Schule nämlich schlichtweg unter- oder überfordert. Erhärtet sich die Vermutung, dass das Kind ADHS hat – oder das, was man heute darunter versteht –, setzen Ärzte und Psychologen ein so genanntes multimodales Behandlungskonzept ein. Und das sieht nicht nur Medikamente, sondern auch Eltern- und Lehrerberatungen sowie eine Verhaltenstherapie für das Kind vor.

Dennoch bleibt die Frage: Woher kommt das Heer an seelisch auffälligen, hypernervösen und zappeligen Kleinen? Schuld sei die Reizüberflutung, vermuten die einen. Und verdammen zunehmenden Fernseh- und DVD-Konsum. (vgl. Neil Postman: „Wir amüsieren uns zu Tode – Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, Frankfurt am Main, 1992 – ders. „Das Verschinden der Kindheit“, ohne weitere Angaben.) Frühe kindliche Bindungsstörungen (vgl. hierzu die Literatur Gerald Hüther/Karl Gebauer) konstatieren die anderen. Experte Schmidt hat noch eine weitere, traurige und einfache Erklärung: „Kindliches Verhalten wird heute pathologisiert. Die Gesellschaft hat verlernt, mit Kleinen geduldig zu sein.“ Brüllattacken, Wutanfälle, auch einmal die Fassung zu verlieren und sich gehörig daneben zu benehmen mag zur normalen kindlichen Entwicklung gehören. Nur: Wer hält das heute noch aus? „Kinder müssen funktionieren, sie werden mit Förderprogrammen überschüttet und müssen eine Menge erwachsener Erwartungen erfüllen“, kritisiert Schmidt. Dass sich etwas in den Köpfen – und zwar in denen von Erwachsenen – ändern muss dafür plädiert auch Hirnforscher Hüther: Zwar würden Kinder verwöhnt wie nie zuvor, richtig gefördert aber würden sie nicht. „Kinder brauchen Probleme, die sie überwinden und an denen sie wachsen können“, schreibt er. „Besonders die so genannten verwöhnten Kinder, denen nie der Verzicht auf bedingungslose Zuwendung und Beachtung zugemutet wird, und die alles bekommen, was sie verlangen, bleiben so leicht auf der Entwicklungsstufe eines Kleinkindes stehen.“ Kein Wunder, dass sie dünnhäutig, überempfindlich und reizbar reagieren.

Weitere Buchtipps finden sie unter www.emotion.de - Ein lebhaftes Kind oder schon hyperaktiv? Diskutieren Sie Forum: www.emotion.de/foren

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*Anm.: Was ist eigentlich ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom)?

Mit dem Begriff Syndrom fasst die Medizin Auffälligkeiten zusammen, die jede für sich noch nicht unbedingt pathologisch ist, deren regelmäßiges gemeinsames Auftreten auf eine Störung hinweist. Bei ADHS wächst diese Liste stetig und umfasst, kritisiert Prof. Dr. Gerald Hüther, „nahezu alles, was am Verhalten eines Kindes auffallen kann“, von Ruhelosigkeit über Lernschwierigkeiten bis hin zu Lügen oder Stehlen. Ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom kann mit Hyperaktivität (ADHS) oder ohne auftreten (ADS). Die Kinder sind unruhig, überempfindlich, haben enormen Aktivitätsdrang. Je mehr Anforderungen an sie gestellt werden, desto schwerer fällt es ihnen, ihr Verhalten der Umwelt anzupassen. Die meisten erhalten die Diagnose ADHS oder ADS in der zweiten oder dritten Klasse der Grundschule. Medikamente wie das amphetaminähnliche Methylphenidat sind schon für Kinder ab sechs Jahren zugelassen und unter Handelsnamen wie Retalin oder Medikinet bekannt.

Der Wunsch, einfach zu verschwinden

Der Wunsch, einfach zu verschwinden

Im Versteck auf dem Dachboden, im Gebüsch oder in einer Höhle ist die Welt in Ordnung. Wenn man klein ist. Und Erwachsene keinen Zutritt haben. Geheime Orte von Kindern sind magische Zufluchten ins Reich der Fantasie
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Eine Erzählung von Nina Jäckle – Text: „emotion“ Juni 2006, S.86
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An geheimen Orten gibt es selten Böses, findet die Schriftstellerin Nina Jäckle. Als Kind saß sie in einem von Farn überwucherten Garten. Gutehexenkraut, so nannte das Ninas Großmutter Tamara

Plötzlich war der Wunsch da, unerreichbar zu sein, sich unbehelligt zu versteigen, in den eigenen Kopfgeburten, ohne Erklärungsnot Gestalten auszustatten, Mächte zu beschwören, Pläne zu schmieden und zu verwerfen, Chimären in den Kampf zu schicken oder abzuwehren.
Plötzlich war der Wunsch da, ungestört zu verharren, in der Hocke, die Knie unterm Kinn, um als Dachstuhldirektor Lichteinfall, Schattenwurf und Staubflug zu beaufsichtigen, und als Höhlenherrscher zu befinden über das emsige Ameisenvolk oder als Abseitskönig ohne Minister das eigene Land zu regieren.
Verheißungsvoll war der Gedanke daran, verschwunden zu sein, für lange Stunden im eigenen Sekundentakt, um Fragen aufzuwerfen, um still und stumm sich einzuordnen, nach eigenem Kompass und ohne Richtwert der anderen.
Ichsagen also verlangte nach einem Ort.
Und Tamara wusste zu erzählen, vom Wunder vollbringenden Farn, der ringsum stand, so weit das Auge reichte, der den Garten und den Weg und den Wald überwucherte, mit seiner Hexenzaubermacht, eine gute Kraft, die dem Farnbesitzer das Gelingen und das Glück verschafft, die unsichtbar machen kann, wenn man das will.
Ist man Freund des Farns, so hat man den Teufel nicht zu fürchten, noch Rheuma, Würmer, Spuk, Pech, Herzensleid, und auch vor zerstörendem Unwetter ist man gefeit.
Trugbilder vertreibt der Farn, so wusste Tamara zu erzählen. Und an dem Platz, an dem der Farn Wurzeln schlägt, übt das Böse nur mehr selten sein Gaukelspiel aus, und engelsüß macht der Farn die Mädchen, sanft und lieblich, auf dass sie nicht streiten wollen, sondern gefügig sind.
Feen und Zwerge tummeln sich seit Jahrhunderten schon unter Farnen, hörst du sie flüstern, hörst du, fragte Tamara, das liebe Fräulein Großmama.
Kreisrund war bald das Zeichen in den Farn getreten, kreisrund ausgelegt mit Laub auf Moos, dort ließ es sich in der Hocke verweilen, im Schatten, im Lichtspiel, im Duft.
Du bist schon wieder im Farn gewesen, sag, bist du Zwerg oder Fee, fragte Tamara, während sie Öl auf die Zecken gab. Sag mir doch, was tust du nur im Farn, im Gutehexenkraut, fragte Tamara, und dann drehte sie Tier für Tier gegen den Uhrzeigersinn.
Und immer auf den Kopf Acht geben, lachte Tamara, während sie die Zecken entfernte, immer auf den Kopf Acht geben, jedes Mal aufs Neue, hörst du?
Der Wund verschob die Schatten des Farns, ein Helldunkelschwanken wie Wiegenlied. Immer auf den Kopf Acht geben, das dachte ich, das summte ich, und Einsamsein, und Traurigsein ganz ohne Grund, und die kleinen Gründe und die großen Gründe vermischten sich im Schlaf zwischen Farnen zu wirren, niemals erzählten Geschichten.
Ruhig war der Blick zwischen den Farnen hindurch auf die Welt, auf das Haus, auf Tamara, die nach mir suchte, die nach mir rief.
Sag, bist du Zwerg oder Fee, fragte Tamara, während sie Öl auf die Zecken tropfte. Es gab viel zu klären, dort, in der Hocke. es galt Neid zu besiegen, Wut zu entschärfen, es galt Wünsche zu verteidigen, an Ungerechtigkeit zu leiden, geheime Liebe auszukosten, dort, in der Hocke, dort im Gutehexenkraut.
Immer auf den Kopf Acht geben, das sagte Tamara, sie lag in ihrem Bett, wir alle wussten, sie würde liegen bleiben. Sag mir, bin ich Zwerg oder Fee, fragte ich, und ich ging als Erwachsene nun den Weg, ich suchte das kreisrunde Zeichen, ich suchte den Blick durch den Farn auf die Welt, auf das Haus, doch ich fand ihn nicht.
Viele Jahre waren vergangen, es gab Unwetter, Trugbilder, Streit und Pech, unsichtbar war ich nie gewesen, nur selten engelsüß und lieblich.
Ich ging den Weg zurück zum Haus, der Garten war überwuchert von Farn.
Unkraut, überall und immer schon nichts als Unkraut, das dachte ich, und Ichsagen war ein anderes geworden.

Nina Jäckle, 39, schreibt unter anderem Romane („Noll“9 und Erzählungen („Es gibt bereits zahlreiche literarische Auszeichnungen erhalten. Jäckle lebt und arbeitet in Berlin.)