Die neue Kindheit

Aus Spielkindergärten werden Bildungseinrichtungen. Schon die jüngsten sollen lernen. Ist das Erziehung zu viel? - von Susanne Gaschke – DIE ZEIT Nr. 27 - 29. Juni 2006 S.27

In Deutschland geht eine Ära zu Ende, die Ära der Rabenmütter. Jahrzehntelang hatten berufstätige Frauen mit kleinen Kindern bei uns einen Zweifrontenkrieg zu organisieren, sie mussten in einem unzureichenden und lückenhaften Angebot Betreuungsplätze finden und sich gleichzeitig gegen den allfälligen (und fast nie gegen Väter erhobenen) Vorwurf verteidigen, sie vernachlässigten ihre Sprösslinge und beraubten sie ihrer natürlichen Entwicklungschancen. Noch die Regierung Kohl setzte mit der Einführung des dreijährigen Erziehungsurlaubs auf ein traditionelles Familienmodell.
Erst die sozialdemokratische Familienministerin Renate Schmidt und nun auch ihre CDU-Nachfolgerin Ursula von der Leyen passen die Familienpolitik an die veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse an. In überwältigender Mehrheit sind junge Frauen heute bereits berufstätig, bevor sie eine Familie gründen – und eine klassische Hausfrauenehe steht für sie überhaupt nicht mehr zur Debatte. Trotzdem wünschen diese Frauen sich Kinder – und für die Kinder keine Verwahranstalten, sondern qualitativ hochwertige Betreuungs- und Bildungseinrichtungen mit freundlichen, zugewandten und kompetenten Mitarbeitern.
Gewiss: Ein solches Angebot ist bisher weder überall zu haben noch überall zu erreichen. Im Großen und Ganzen aber bemüht sich die Politik, aufgeschreckt durch die historisch niedrige Geburtenrate (siehe auch Seite 30), um einen flächendeckenden Ausbau der Kindertageseinrichtungen, von der Krippe für die unter Dreijährigen (230.000 Plätze in den nächsten vier Jahren) bis zur Erweiterung des Ganztagsschulangebots durch ein Vier-Milliarden-Euro-Programm des Bundes.
Parallel zum strukturellen Ausbau hat eine intensive Debatte darüber begonnen, was den Kindern in den Einrichtungen vermittelt werden und wie ihr Tagesablauf aussehen soll. Die Familienministerin selbst brachte das beitragsfreie dritte Kindergartenjahr ins Gespräch, weil in diesem Alter Sprachförderung (für Migrantenkinder wie für Kinder aus kommunikationsarmen deutschen Familien) helfen kann, den Schuleintritt vorzubereiten. In eine ähnliche Richtung zielen Überlegungen, die ein Vorschuljahr für alle Kinder sogar verbindlich festschreiben wollen.
Im Bereich der Kindergartenpädagogik deutet sich derweil ein Fokuswechsel an: Legte man vor wenigen Jahren noch viel Wert auf »soziales Lernen« (ein Anliegen, das angesichts ausgedünnter Nachbarschaften selbst in familienfreundlichen Neubaugebieten sinnvoll bleibt), geht es heute vermehrt um die Frage, was kleine Kinder schon wissen können, wollen – und sollten (siehe Interview Seite 28). Der Trend scheint sich hier ein wenig gegen das beliebte »freie Spiel« zu kehren – hin zu einer systematischeren Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Inhalten, zu Sprach- und (Vor-)Leseförderung.


Im ersten Jahr gehört die Mami mir
Freilich ist darin auch schon der Keim für eine Kontroverse gelegt: Wie viel unverplante Kindheit, wie viel »wildes« Aufwachsen, wie viel Spielidylle brauchen Drei- bis Sechsjährige? Und wie viel zielgerichtetes Training? Geht es nicht ein bisschen weit, wenn die Unternehmensberatung McKinsey »Kindergartenpflicht für Kleinkinder!« fordert und die Bertelsmann Stiftung »Zweisprachigkeit, mathematische und naturwissenschaftliche Grunderfahrungen, Umgang mit Medien« schon für unter Dreijährige empfiehlt?
Vor allem die Krippenbetreuung ist ein sensibles Thema. In nahezu allen Untersuchungen äußern die Befragten mehrheitlich die Überzeugung, ein Kind, das jünger sei als ein Jahr, gehöre zu den Eltern (also in der Regel zur Mutter). Einen harten wissenschaftlichen Beweis für eine definitive Schädlichkeit der Jüngstenbetreuung gibt es jedoch nicht – selbst Jay Belsky, Direktor des Institute for the Study of Children, Families and Social Issues in London (und einer der wenigen profilierten Kritiker institutioneller Frühbetreuung), vermag aus der Datenfülle einer aufwändigen Langzeitstudie des amerikanischen National Institute of Child Health and Development (NICHD) nicht mehr zu destillieren als die Aussage, sehr frühe, sehr lang andauernde und zudem schlechte Betreuung von Kleinkindern könne die Elternbindung schwächen und Aggressionen und Ungehorsam bei jungen Schulkindern hervorrufen – die sich allerdings mit der Zeit wieder verlören. Gerade erfahrene und überzeugte Krippenerzieherinnen bestätigen gleichwohl die instinktive Vorsicht der Eltern im ersten Babyjahr: Von zwölf Monaten an könne ein Kind definitiv von der Gruppe profitieren, vorher müsse man eher aufpassen, dass es keinen Schaden nehme. Auf keinen Fall darf die von den Eltern begleitete Eingewöhnungsphase für unter Dreijährige kürzer als zwei bis drei Wochen ausfallen – die Trennung von der Mutter löst bei Babys Stress aus, den eine solche Eingewöhnung vermindern und abbauen hilft. Kindern mit einer schwachen Elternbindung scheint das Alleinbleiben auf den ersten Blick leichter zu fallen, doch gerade sie brauchen besonders viel Zuwendung. »Diese Kinder, die schon von zu Hause wenig Bindung mitbringen, wären manchmal bei einer liebevollen Tagesmutter besser aufgehoben als in der Gruppe«, sagt Christiane Ludwig-Körner, Professorin für Methoden der Sozialarbeit an der Fachhochschule Potsdam. »Aber weil sie angepasst wirken, wird ihre Not leicht übersehen.«
Obwohl die Qualifizierungsmaßnahmen für Tagesmütter an Zahl und Vielfalt zunehmen, steht diese – familiärere – Form der Kinderbetreuung bei uns vergleichsweise wenig im Zentrum der politischen Aufmerksamkeit. Andere Länder setzen stärker auf individuellere Angebote. Seit 1991 entstanden allein in Frankreich 250.000 Stellen für qualifizierte Tagesmütter in privaten Haushalten. Vielen Pädagogen aber fehlt bei den privaten Hilfen eine verlässliche Qualitätskontrolle.
Doch auch der allgemeine und unumkehrbare Trend zur institutionalisierten Kinderbetreuung hat, trotz vieler positiver Beispiele, einen Preis. Für Kinder waren mütterliche Verfügbarkeit, ein geringer Organisationsgrad der Kindheit und Freunde, die man sich selbst aussuchen und nachmittags zum Spielen abholen konnte, durchaus angenehm. Sie müssen heute vielleicht nicht mit schlimmeren, auf jeden Fall aber mit anderen Beschränkungen leben als vor 30 Jahren: sich viele Stunden lang an einem Ort aufhalten, der ihnen vorgeschrieben wird und der nicht das Zuhause ist; früh mit Kindern auskommen, die sie vielleicht nicht alle mögen; sich anderen Erwachsenen als ihren Eltern oder Großeltern anvertrauen. Es ist bemerkenswert, dass praktisch nie zur Debatte stand, ob die Freiheit der Kinder durch eine stärkere Einbindung der Väter in die Erziehung hätte erhalten werden können – die gerade überstandene Auseinandersetzung über zwei(!) zusätzliche »Vätermonate« zeigt, dass größeres Familienengagement für Männer noch kein ernsthaftes Thema ist. Und auch die Wirtschaft war bisher nicht in der Gefahr, sich übermäßig an die Bedürfnisse aktiver Eltern anpassen zu müssen. Ihre Botschaft lautete in den letzten 15, 20 Jahren stets: mehr Flexibilität, mehr Einsatz – und trotzdem größere Unsicherheit des Arbeitsplatzes. Kinder kommen in dieser ökonomistischen Effizienzwelt nicht vor, sie sind ganz und gar Privatsache der Arbeitnehmer.
Pädagogik neigt immer dazu, in Kinder die dringendsten Bedürfnisse oder Ideale ihrer jeweiligen Zeit hineinzusehen: vom kulturkritischen Impetus der Reformpädagogik des 19. Jahrhunderts über die Erziehung des Sowjetmenschen bis zur Vergesellschaftung des Teddybären im Kinderladen. Und unsere Gesellschaft ist offenkundig gerade auf der Suche nach einer pädagogischen Lehre, die zur Effizienzgesellschaft passt. Nicht unstrukturierte, verspielte Kindheit ist heute gefragt, nicht Bullerbü-Idylle, sondern frühes Lernen. Durch unzählige Artikel, Bildungsprogramme und Kita-Konzepte zieht sich folgende Haltung. »Wissenschaftliche Forschungsprojekte der vergangenen Jahre«, heißt es im Krippen-Konzept eines Berliner Trägervereins, das für Krippenkinder unter anderem »15 Minuten individuelle Zuwendung durch die Erzieherin pro Tag« vorschreibt, »haben mit Recht darauf hingewiesen, dass die meisten Familien unter den heutigen Lebensbedingungen kaum mehr in der Lage sind, Kindern das zu ermöglichen, was gute Tagesstätten vermögen und fördern.« Das mag sogar stimmen. Aber »wissenschaftliche Forschung« ist außerdem ein Argument mit einer ungeheuer entlastenden Wirkung für die Eltern: Sie müssen keine Zweifel hegen, ob die Betreuung in der Kita ihren Kindern gut tut – sie ist sogar besser als alles, was die Familie selbst leisten könnte. Wenn, natürlich, die Einrichtung »gut« ist.
An diesem Punkt klaffen Theorie und Praxis dann doch für alle spürbar auseinander, und engagierte Erzieherinnen sind die Ersten, die dieses Gefühl bestätigen: Zunächst gibt es genügend Eltern, denen es von Herzen egal ist, was den Tag über mit ihren Kindern geschieht – sie werden über »gut« oder »schlecht« nicht streiten. Und die anderen? Sie haben realistischerweise keine unendliche Auswahl zwischen verschiedenen Einrichtungen, die Wege müssen schließlich zu bewältigen, die Gebühren bezahlbar sein. Der Kindergarten, die Krippe ist in der Regel keine exklusive Bildungseinrichtung, in der das 18 Monate alte Kind naturwissenschaftliche Experimente durchführt: Die Kita muss das Zeitproblem der Eltern lösen, und entsprechend wenig Zeit haben die Eltern für die Kita. Elternbeteiligung ist unter diesen Bedingungen oft nur eine hübsche Fiktion.
Besonders bei Kindern, die noch nicht sprechen können, wirkt die Tagesstätte auf Eltern wie eine Black Box: Es erfordert sehr viel Aufmerksamkeit, herauszufinden, wie das Kind sich nach acht Stunden Betreuung fühlt, was es erlebt hat, was es beunruhigt. Im Idealfall kann man sich darüber täglich umfassend mit der Erzieherin austauschen – im Normalfall nicht. Und wie geht man mit Erzieherinnen um, die man für unfreundlich, überfordert oder gar feindselig hält? Kritik am Betreuungspersonal fällt den meisten Eltern schwer – da greift zuverlässig das schlechte Gewissen, schließlich kümmern die Leute sich netterweise um unsere Kinder. Ein Wechsel der Betreuungseinrichtung bedeutet für Kinder eine große Belastung – und ist im laufenden Tagesgeschäft auch dann schwer zu bewerkstelligen, wenn er nötig wäre. Im Zweifelsfall findet man sich also viel zu häufig mit unbefriedigenden Situationen ab. Die aktuelle Debatte über die Qualität von Kindergartenpädagogik und die angemessene Ausbildung der Erzieherinnen wird hoffentlich zu vielfältigen Verbesserungen der Praxis führen. Das strukturelle Problem, dass fremde Menschen sich über lange Zeit einem nur uns persönlich ganz nahe stehenden, liebenswerten Kind widmen, bleibt aber unauflösbar.
Es war ein dorniger Weg durch die deutsche Betreuungswüste bis zum heutigen Aussichtspunkt. Und es bleibt viel zu tun: Trotz aller Zeitnot sollten sich Eltern, wo es irgend geht, auch in die Diskussion des theoretischen Überbaus einmischen, der ihnen mit der Praxis serviert wird. Wer heute sein Kind in eine Tagesstätte gibt, muss eine Menge Ideologie schlucken: Er akzeptiert, dass Erzieherinnen Dreijährige »partnerschaftlich« behandeln wollen – egal, ob diese Augenhöhe zwischen Kindern und Erwachsenen wirklich wünschenswert ist. Fast alle Kitas streben zudem nach ausführlicher »Beobachtung und Dokumentation« der kindlichen Entwicklung – mit Berichtsbögen, die von zwei Erzieherinnen geführt werden müssen. Selbstverständlich kann das eine sinnvolle Grundlage für Elterngespräche und eventuell nötige Entwicklungshilfe sein, aber die Eltern, die in aller Regel selbst keine Dossiers über ihre Kinder anlegen, merken auf einmal, wie sehr ihre Deutungshoheit schwindet, wenn ihnen die schwarz auf weiß niedergelegte, fachlich fundierte Wahrheit über ihren Nachwuchs entgegengehalten wird.

Das Spiel mit Streichhölzern wird heute als Forschergeist bejubelt
Wir akzeptieren ohne Nachfrage, dass schlechte Kindergärten, in denen zu wenig gelernt wurde, verantwortlich seien für das betrübliche deutsche Pisa-Ergebnis. Zusammen mit der Mehrzahl der mit Kita-Fragen befassten Sachverständigen haben wir dem Glauben an Milieu- und Sozialisationstheorien abgeschworen. Heute definiert die Hirnforschung, was gut ist fürs Kind – und droht mit sich schließenden Fenstern der Sprachentwicklung und stagnierender Synapsenbildung, wenn es nicht von früh auf lernt, was das Zeug hält.
Ein deutscher Entwicklungspsychologe der fünfziger Jahre hat die Entwicklungsschritte des zweiten Lebensjahres so beschrieben: »Die Kinder erklettern Stühle und Tische, stolpern über Stiegen und Treppen, öffnen Türen und Schubladen, holen sich Messer, Gabel und Schere, ziehen das Tischtuch samt Tellern und Gläsern oder gar den Topf voll heißen Wassers zu sich herab, hantieren am Ofen und tändeln mit Streichhölzern… Sie fordern ausgesprochene Umsicht und Voraussicht: Gerade weil sie die Folgen des eigenen Handelns noch nicht absehen können, legen sie den Erwachsenen die Pflicht auf, ständig für sie vorauszudenken, was aus dem gegenwärtigen Tun im nächsten Augenblick entstehen könnte.«
Heute heißt das »Tändeln mit Streichhölzern« »Forschergeist in Windeln«. Und die Erzieher sollen, noch einmal laut Berliner Bildungsprogramm, dieses »Forschen« begleiten – um Himmels willen ohne Fragen zu stellen, auf die sie selbst die »richtige« Antwort bereits kennen. Sie sollen keine Erwachsenen sein, sondern höchstens eine Art »Co-Forscher« an der Seite der Kinder. Glaubt man einer Vielzahl von Veröffentlichungen und pädagogischen Konzepten, dann geht es dabei – weil Deutschland die Ingenieure fehlen? – vor allem um naturwissenschaftliche Versuche mit ertrinkenden Gummibärchen und dergleichen. Von Vorlesen und Musizieren, von Büchern und Geschichten, von Museen und ästhetischer Empfindung, von Kreativität und Fantasie ist in diesen Zeiten des Nutzwerts vielleicht etwas zu selten die Rede.

21.1.07 18:32

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