Lob der Kinderarbeit

In den Montessori-Kindergärten dürfen die Kinder so schnell oder so langsam lernen, wie sie wollen. Und die Erwachsenen müssen sich zusammenreißen
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Von Parvin Sadigh – Quelle: „DIE ZEIT“ online 6.7.2006
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Im Montessori-Kinderhaus wird nicht nur gespielt – es wird vor allem gearbeitet. Und ihre Arbeit erledigen die Kinder selbstständig.
Das Konzept geht zurück auf eine engagierte Frau: Maria Montessori. Sie war die erste Medizinstudentin und die erste Ärztin Italiens. Nach dem Studium arbeitete sie mit behinderten Kindern und begann sich für die Erziehung von Kindern einzusetzen. Woraufhin sie noch einmal studierte: Pädagogik, Experimentalpsychologie und Anthropologie. Sie ließ sich anregen von den Theorien des Psychologen Alfred Adler, der davon ausging, dass jedes Kind eine eigene schöpferische Kraft besitzt und die Welt auf eigene Weise deutet. Allen Kindern gemeinsam sei jedoch ihr Wunsch, zu einer Gemeinschaft zu gehören. Sie wollen, laut Adler, außerdem alle ihren Mangel gegenüber Erwachsenen selbstständig überwinden. Das äußert sich zunächst einmal in ihrem Ehrgeiz, greifen, laufen, essen zu können wie die Erwachsenen. Sie wollen Sicherheit in der Gemeinschaft finden und ihren eigenen Lebensstil bilden. Damit meinte Adler, dass jedes Kind seinem eigenen Ordnungsmuster folgen wolle. Zu viel Fürsorge könne dazu führen, dass die Mitarbeit des Kindes unterdrückt wird. Das Kind fühlt sich nicht ernst genommen und überlasse schließlich dem Erwachsenen das Handeln.
Die Erkenntnisse aus dem Studium und ihrer Arbeit mit behinderten Kindern übertrug Maria Montessori auf die Erziehung gesunder Kinder. Im Jahr 1907 gründete sie in einem römischen Arbeiterviertel das erste Casa dei Bambini, ein Kinderhaus. Nach und nach entwickelte sie Materialien und Hilfsmittel, um die Kinder in ihrem Streben anzuregen.
Diese Materialien sind einfach gestaltet und dem Alltagsleben entnommen. Sie sollen kleinen Kindern ermöglichen, was sie ohnehin am liebsten tun: Dinge so lange und immer wieder zu erforschen, bis alle Details beobachtet und zugeordnet und die Unterschiede erkannt sind. Die Materialien ermöglichen den Kindern, Fehler selbst zu erkennen und zu korrigieren. Das Kind soll damit die Welt erst sinnlich, später auch begrifflich erfassen, schließlich vom konkreten Schauen zum abstrakten Denken gelangen. Montessori wünschte sich, dass die Kinder nicht einzelne Fakten lernen und anschließend Sport treiben, sondern alles miteinander tun: "Dies ist ein wesentlicher Erziehungsgrundsatz: Einzelheiten lehren bedeutet Verwirrung stiften. Die Beziehung unter den Dingen herstellen bedeutet Erkenntnisse vermitteln". Montessori und ihre Nachfolger unterrichten die Kinder in unterschiedlichen „Fächern“. Sie nutzen beispielsweise für die sinnlichen Erfahrungen Bretter mit unterschiedlichen Oberflächen: rau, glatt in unterschiedlichen Abstufungen. Der rosa Turm besteht aus Holzklötzen in abgestuften Größen, der nur auf bestimmte Weise zusammengebaut werden kann. Hören und musikalisches Verständnis erproben die Kinder an Büchsen, die verschiedenes enthalten und deshalb unterschiedlich klingen. Später arbeiten sie dann auch mit Noten und Tonleitern. Mit Perlenketten lernen die Kinder rechnen. Doch auch vor Zahlen und Buchstaben aus Holz hat man keine Scheu bei Montessori. Erdkunde wird den Kindern mit Globen, Flaggen und Wappen nahe gebracht.
Dabei müssen die Erzieherinnen, die sich lieber Lehrerinnen nennen, nicht allein die von Montessori entwickelten Materialien nutzen, wie Christa Fröhlich-Dithmer vom Hamburger Kinderhaus Monaddrrei betont. Sie stellen mit den Kindern eigene Dinge her, beispielsweise Boote aus Tischtennisbällen, die sie im Wasser schwimmen lassen und mit Zangen wieder herausfischen. Zur Fußballweltmeisterschaft lernten die Kinder Flaggen und Geografie der beteiligten Länder kennen, erklärten sich die Regeln und bastelten ihr eigenes Fußballfeld. In einem modernen Montessori-Kinderhaus können die Kinder durchaus Yoga lernen, mit Puppen spielen oder gemeinsam eine Zirkusaufführung vorbereiten.
Die Lehrerin führt einen neuen Gegenstand nur einmal - möglichst ohne viele Worte - vor. Es gibt auch jedes Ding nur ein einziges Mal. Sie zeigt es nur einem Kind oder einer kleinen Gruppe von Kindern. Ein Kind darf dann bestimmen, wie es damit umgehen will. Es beschäftigt sich allein mit dem Gegenstand, korrigiert seine Fehler selbst und weist anderen interessierten Kindern kleine Aufgaben zu. Durch diese Beschränkung sollen die Kinder soziales Verhalten lernen: mal die Verantwortung übernehmen und mal sich zurücknehmen, wenn ein anderes Kind gerade mit einem Gegenstand beschäftigt ist, den man selbst gerade bearbeiten möchte.
Jedes Kind hat seinen Tisch und seinen Stuhl, an dem es arbeitet und isst. Die Erwachsenen müssen sich zurückziehen und dürfen nicht werten. Sie sollen weniger an vorgegebene Ziele denken, als einfach aufmerksam für die Fortschritte jedes einzelnen Kindes sein. Maria Montessori spricht von "keuscher Sensibilität" und von einer "peinlich gewissenhaften" Haltung. Erst dann kann sich das einzelne Kind ernst genommen und wertgeschätzt wissen. Lehrer und Eltern sollen sich bemühen, die Kinder zu verstehen. Was teilweise sehr schwer ist, da sie akzeptieren müssen, dass sie nicht jeden Schritt, den die Kinder nach ihrem eigenen Plan gehen, nachvollziehen können. Die Hilfe, die sie anbieten, darf keinesfalls bedeuten, dass sie den Kindern ihre "Arbeit" abnehmen. Demzufolge übernehmen die Kinder auch kleine Aufgaben im Kinderhaus selbst, bereiten beispielsweise das Frühstück mit vor, sind verantwortlich für die Bücherecke oder die Zahnputzutensilien.
Bei aller Freiheit, die den Kindern in ihrer Entfaltung und in der Gestaltung der Projekte und Regeln eines Kinderhauses gewährt wird, ist offensichtlich, dass antiautoritäres Machen-Lassen nicht Montessoris Sache ist. Der Rahmen ist sowohl für die Erwachsenen als auch für die Kinder recht strikt. Dieses Prinzip geht so weit, dass Eltern in den meisten Montessori-Häusern den Gruppenraum, in dem die Kinder arbeiten, nicht betreten dürfen. Sie sollen nicht vergleichen, was das eigene Kind und die anderen geleistet haben, damit sie nicht eingreifen, bewerten und versuchen zu lenken. Ein Verhalten, in das die meisten Eltern unbewusst verfallen.

9.7.06 16:53

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