Vorbild Super Nanny

Wie erreicht man Problemfamilien? Experten und Bundestagsabgeordnete suchten gemeinsam nach Lösungen, wie man den Medieneinfluss auf Kinder steuern kann
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© ZEIT online 19.10.2006 - 10:34 Uhr
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Geladen hatte zu der Anhörung am Mittwoch der Kinderausschuss des Bundestages. Die Experten waren sich einig: Alle Informationen und Tipps zum sinnvollen Fernseh- und Internetkonsum sind vorhanden, der Jugendschutz in Deutschland ist gut geregelt. Nur: Wie erreicht man Familien, die sich für „pädagogisch wertvolle“ Internetangebote und für Elternabende nicht interessieren? Die gar mit ihren Kindern gemeinsam brutale Computerspiele wie Counterstrike spielen? Jene Familien, in denen die Dauerberieselung durch den Fernseher oft zum einzigen Freizeitprogramm gehört?

Nach Meinung von zwei Medienpädagoginnen und des Vertreters des ZDF liegt im Zugang zu diesen Familien das entscheidende Problem. Anspruchsvollere Zeitschriften oder Internet-Downloads, wie viele öffentliche Einrichtungen sie anbieten, erreichen ihre Zielgruppe nicht. Es mache „wenig Sinn, Aufklärungs-CDs bei Aldi auszulegen“, sagt die Medienpädagogin Hanne Walberg von der Uni Mainz. Der erzieherische Arbeitsaufwand sei für viele zu groß. Auch Fernsehanbieter zu mehr Verantwortung zu ziehen, wie dies die Abgeordnete Marlene Ruprecht (SPD) fordert, oder Qualitätssiegel für Computerspiele einzuführen, ein Vorschlag der Grünen-Abgeordneten Ekin Deligöz, stoßen bei den Medienexperten auf wenig Begeisterung.
Vielmehr, rät Sabine Eder von der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur GMK, sollten Institutionen eingebunden werden, die bereits das Vertrauen von solchen Problemfamilien genießen: Arztpraxen, Sportvereine, Schulen und Kindergärten. Mit Familienaktionen müssten Pädagogen das Vertrauen der Eltern gewinnen und sinnvolle Methoden der Medienerziehung vermitteln. Telefon-Hotlines sollen Hilfe anbieten.

Die Experten gehen sogar einen Schritt weiter: Programme wie die RTL-Sendung „Super Nanny“ über schwer erziehbare Kinder sollten als Vorbild dienen. Zwar sei dies eine „voyeuristische Show,“ die die Persönlichkeitsrechte der dargestellten Kinder verletze. Ähnliche Sendungen mit Erziehungstipps könnten jedoch eben diese Familien erreichen, die ohnehin ganze Nachmittage vor dem Fernseher verbringen. Auch gängige Internet-Portale wie „YouTube“ könne man sich zu Eigen machen, um erzieherische Videos zu zeigen, schlägt der ZDF-Redakteur Thomas Waldner vor.
Schon früh sollen Kinder deshalb an Medien wie Internet und TV herangeführt werden – am besten bereits im Kindergarten. Doch die mediale Ausstattung von Schulen und Kindergärten in Deutschland sei „katastrophal.“ Auch hauptberufliche Erzieher sind in ihrer Rolle als Medienaufklärer überfordert. Viele Pädagogen arbeiteten in diesem Bereich ehrenamtlich. Der Grundtenor der Anhörung, wie auch in der laufenden Unterschicht-Debatte, lautet deswegen: Mehr Geld für Bildung.

19.10.06 20:02

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