Reformen mit Signalwirkung?

Der schleswig-holsteinische Landtag hat ein neues Schulgesetz mit weitreichenden Änderungen verabschiedet, die Hamburgische Bürgerschaft will demnächst nachziehen. Doch der langsame Abschied vom dreigliedrigen Schulsystem findet nicht überall Zustimmung
Vor nicht allzu langer Zeit hätte der Vorschlag einer gemeinsamen Schulreform von CDU und SPD bestenfalls für allgemeine Heiterkeit gesorgt. Zwischen den bildungspolitischen Vorstellungen, die einerseits auf eine maximale Differenzierung und Förderung der vermeintlichen Eliten, andererseits auf eine ebenso vermeintliche Demokratisierung des Ausbildungssektors bis hin zum Lieblingsprojekt der Gesamtschule zielten, schien es keinerlei Übereinstimmung zu geben.

In der Epoche der Großen Koalitionen, die zu Beginn des neuen Jahrtausends über Deutschland hereingebrochen ist, stellt sich die Lage nun anders dar. Um das ramponierte Bildungssystem wieder auf Kurs und in Fahrt zu bringen, müssen grundlegende Strukturveränderungen vorgenommen und nun also doch Kompromisse erfunden und ausgehandelt werden.

Ab 2010 ohne Haupt- und Realschulen

In hohen Norden der Republik scheint das vorerst gelungen zu sein. Mitte letzter Woche hat der schleswig-holsteinische Landtag ein neues Schulgesetz (1) verabschiedet, das bereits zum 15. Februar in Kraft treten soll und eine Reihe einschneidender Veränderungen bis zum Schuljahr 2010/11 vorsieht. So planen die Regierungsparteien nichts Geringeres als den Umbau des dreigliedrigen Schulsystems. Haupt- und Realschulen werden bis zum Schuljahr 2010/11 zu sogenannten Regionalschulen (2) zusammengefasst, in denen die Schüler dann beide Abschlüsse erwerben können.

Daneben werden Gemeinschaftsschulen (3) eingerichtet, die auch eine gymnasiale Oberstufe anbieten und Formen und Angebote "für ein weitgehend gemeinsames Lernen bis zum Ende der Sekundarstufe I" entwickeln sollen.

Profile statt Kursstufen

Die Schulzeit an Gymnasien wird von neun auf acht Jahre verkürzt, nach deren Ablauf die Schüler ein Zentralabitur erwerben können, dessen Aufgaben sich an den bundesweit geltenden Prüfungs- und speziellen schleswig-holsteinischen Fachanforderungen orientieren. Die seit langem und vielerorts umstrittene Kursstufe soll zum Schuljahr 2007/08 abgeschafft werden. An ihre Stelle tritt eine Profiloberstufe, welche die Belegung der Kernfächer Deutsch, Mathematik und einer Fremdsprache verlangt. Daneben werden die Schulen Fächerkombinationen anbieten, die bestimmten Profilen entsprechen und entweder naturwissenschaftlich, sprachlich, gesellschaftswissenschaftlich oder musisch-ästhetisch ausgerichtet sind.

Außerdem sieht das neue Schulgesetz modernisierte Schulentwicklungs- und Lehrpläne sowie eine Vielzahl individueller Betreuungs- und Fördermaßnahmen für Kinder und Jugendliche vor, um die Chancengleichheit zu verbessern und gleichzeitig die Zahl der Sitzenbleiber deutlich zu reduzieren. Schließlich soll die Zusammenarbeit von Kindertagesstätten und Schulen intensiviert und mit dem "Regionalen Berufsbildungszentrum" eine neue und effektivere Form der berufsbildenden Schule geschaffen werden.

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave, die bis zum Jahr 2010 noch einmal 1,4 Millionen Euro in Beratungs- und Fortbildungsangebote investieren will, ist fest davon überzeugt, dass durch die neuen Gesetzesbestimmungen ein qualitativ hochwertiges Bildungsangebot realisiert werden kann, das nicht nur den pädagogischen Herausforderungen, sondern auch einer demographischen Entwicklung entspricht, die zu insgesamt sinkenden Schülerzahlen und einer steigenden Migrantenquote führen dürfte.

Wir wollen unsere Schulen gerechter machen, durchlässiger, leistungsfähiger, selbstständiger und offener. Wir müssen die Zahl der Bildungsverlierer reduzieren und die Zahl der Schülerinnen und Schüler mit höherwertigen Abschlüssen erhöhen.
Ute Erdsiek-Rave

Problemfall Hauptschule

Auch wenn das Gesamtprojekt zu den bislang ambitioniertesten Versuchen einer weitgehenden Schulreform gezählt werden kann, sind einzelne Aspekte keineswegs neu. Das gilt beispielsweise für die mit Ausnahme von Rheinland-Pfalz bald flächendeckende Einführung eines Zentralabiturs oder den um ein Jahr verkürzten Gymnasialbesuch. Auch die Auflösung der Hauptschule als eigenständige Schulform ist in Thüringen, wo neben dem Gymnasium eine Regelschule eingeführt wurde, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern, wo die entsprechenden Einrichtungen Mittelschulen oder Regionale Schulen heißen und Sachsen-Anhalt oder Bremen, wo sogenannte Sekundarschulen gegründet wurden, bereits Geschichte. In Brandenburg und im Saarland scheint die Hauptschule ebenfalls weitgehend ausgedient zu haben.

Die Einschätzung des Hamburger Erziehungswissenschaftlers Herbert Gudjons (4), der bereits vor vier Jahren behauptete, "dass der Besuch der Hauptschule selten durch freie Entscheidung für ein hauptschulspezifisches Konzept zu Stande kommt, sondern weitgehend Folge eines negativen Ausleseprozesses ist", scheint von immer mehr Mandatsträgern geteilt zu werden.

Selbst in Bundesländern, die traditionell das dreigliedrige Schulsystem favorisieren, wird die Hauptschule mittlerweile als Problemfall betrachtet. Bayern denkt über deren Ausbau zur Ganztagsschule nach, und Baden-Württembergs Kultusminister Helmut Rau (CDU) plädiert für eine stärkere Kooperation zwischen Haupt- und Realschulen.

Eine faktische Abschaffung ist hier vorerst allerdings ebenso wenig geplant wie in Berlin, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen oder Rheinland-Pfalz. Das alte System findet nach wie vor einflussreiche Fürsprecher, die sich nun auch in Schleswig-Holstein mit einer Unterschriftenaktion, einer Volksinitiative, Volksbegehren und Volksentscheid bemerkbar machen wollen.

Der dortige Elternverein (5) hat eine "Allianz für ein besseres Schulgesetz" (6) initiiert, das die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen rundheraus ablehnt. Nur das bisherige Verfahren biete "das optimale, für alle Schülerinnen und Schüler begabungs- und leistungsfähigkeitsgerechte Angebot."

Vor diesem Hintergrund könnte das neue schleswig-holsteinische Schulgesetz Modellcharakter haben und in einem westdeutschen Flächenland zeigen, dass moderne Konzepte denen von vorgestern auch insofern überlegen sind, als sie effektiver auf aktuelle Herausforderungen und Probleme reagieren können, an denen es – siehe PISA & Co. – derzeit nun wirklich nicht mangelt. Darüber hinaus verdient der Umstand Beachtung, dass CDU und SPD hier in der Lage waren, einen Teil ihres liebgewonnenen bildungspolitischen Inventars zu opfern, um gemeinsam eine Lösung zu finden.

Hamburg: Schulsystem auf zwei Säulen

Ähnliches soll nun auch in Hamburg geschehen, wo die regierenden Christdemokraten ein sogenanntes "Zwei-Säulen-Modell" (7) entwickelt haben, das auf dem Landesparteitag am 20. Februar endgültig beraten und in einer Enquete-Kommission der Hamburgischen Bürgerschaft mit der SPD abgestimmt werden soll. Nach den bisherigen Gesprächen hält die CDU eine "historische Einigung" und die Beendigung des "jahrzehntelangen Schulstrukturstreits" für möglich.

Dabei sind die Vorschläge, die Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Dierig (CDU) erarbeitet hat, weil sie Modelle wie die Gesamtschule für "Etikettenschwindel" hält, auf den ersten Blick alles andere als konsensfähig. Alle Haupt- und Realschulen, integrierten Haupt- und Realschulen, integrierten Gesamtschulen und kooperativen Gesamtschulen sollen bis zum Sommer 2010 mit den Aufbaugymnasien und Beruflichen Gymnasien zu "Stadtteilschulen" zusammengefasst werden. Ihre Aufgabe besteht darin, "differenzierte und innovative pädagogische Ansätze" umzusetzen, die der individuellen Förderung jedes Schülers dienen und bereits in der Sekundarstufe I eine "frühzeitige Arbeits- und Berufsorientierung" erlauben.

Die zweite Säule bildet das Gymnasium, das "in Abgrenzung zur Stadtteilschule" von Schülerinnen und Schülern besucht werden soll, die nach der 4. Klasse den schnelleren Weg zur Hochschulreife in 8 Jahren "anstreben können und wollen". Von ihnen wird "wissenschaftsorientiertes, eigenständiges Lernen" erwartet.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft wertet diese Vorschläge als "Zwei-Klassen-Modell" und "faulen Kompromiss zu Lasten von Chancengleichheit und guter Schule". Sie hat für die nächste Zeit Protestdemonstrationen angekündigt und bereits eine "Hamburger Erklärung" (8) verfasst, die pikanter Weise auch von der SPD-Abgeordneten Sabine Boeddinghaus (9) unterzeichnet wurde. Darin heißt es u.a.:

Auch in Deutschland wächst die Unterstützung für eine grundlegende Reform des Schulwesens: bei Eltern und Lehrkräften, in Betrieben und Verbänden, in Wissenschaft und Politik. Die Erfahrungen, die Hamburg in hohem Maß mit integrativen Schulen hat - vor allem mit Grundschulen und Gesamtschulen - bieten eine gute Grundlage für unsere Vorstellungen einer Schule für alle Kinder.
Die Trennung der Schüler/innen nach Klasse vier, die Aufteilung in höhere und geringerwertige Bildungsgänge, die soziale Selektion in Schulformen ist nur aufzuheben, wenn alle Kinder und Jugendlichen in eine integrative Schule gehen.
Wir fordern jetzt: Eine Schule für alle!
"Hamburger Erklärung"

Rahmenbedingungen und schulischer Alltag

Ob es in Hamburg zu einer Einigung zwischen CDU und SPD kommt, wird sich vermutlich frühestens Ende Februar oder Anfang März entscheiden. Die Sozialdemokraten sind in dieser Frage gespalten und können sich derzeit nicht einmal auf einen eigenen Spitzenkandidaten für die Wahl im kommenden Jahr verständigen, so dass zunächst eine Mitgliederbefragung durchgeführt werden muss.

Dann ist ein Teil des neuen schleswig-holsteinischen Schulgesetzes bereits in Kraft, und dort muss in der Praxis bewiesen werden, dass die Strukturveränderungen weit genug gehen. Ein dauerhaftes Problem dieser und vieler anderer Reformbemühungen könnte die Umstellung auf ein zweigliedriges Schulsystem unter Beibehaltung dreistufiger Abschlüsse sein. Ob ein Hauptschulabschluss auf einer Einrichtung gleichen Namens oder auf einer Regionalschule erworben wird, spielt schließlich nur dann eine Rolle, wenn sich über die Form hinaus auch Inhaltliches ändert.

Unter ähnlichem Vorbehalt ist die noch im Planungsstadium verharrende Frage der Schulautonomie oder die an sich lobenswerte Intensivierung individueller Fördermaßnahmen zu sehen. Vor Ort sind die einzelnen Pädagogen gefragt, welche die Stärken ihrer Schülerinnen und Schüler erkennen und fördern und gleichzeitig dafür Sorge tragen müssen, dass Defizite behoben, Enttäuschungen überwunden und Rückschläge verkraftet werden. Überdies kann die soziale Selektion im deutschen Bildungswesen vermutlich nur sehr bedingt durch Gesetzestexte überwunden werden.

Mit der vorschnellen Behauptung, dass im Norden der Republik "Bildungsgeschichte" (10) geschrieben und überhaupt das "mit Abstand intelligenteste Konzept" (11) verfolgt wird, ist noch nichts gewonnen. Dass die Politik die Notwendigkeit erkannt hat, die eine oder andere ideologische Altlast über Bord zu werfen und die Rahmenbedingungen des Bildungssystems den Erfordernissen des 21. Jahrhunderts anzupassen, kann gleichwohl positiv gewertet werden. Bleibt nur zu hoffen, dass die Folgen der aktuellen Maßnahmen dann auch überprüft, gegebenenfalls Nachbesserungen durchgeführt und ergebnisorientiert weitere Umstellungen vorgenommen werden.

Links

(1) http://landesregierung.schleswig-holstein.de/
coremedia/generator/Aktueller_20Bestand/MBF/Information/
Schulgesetz/PDF/070124_20Synopse,property=pdf.pdf
(2) http://landesregierung.schleswig-holstein.de/
coremedia/generator/Aktueller_20Bestand/MBF/Information/
Schulgesetz/PDF/Eckpunkte_20Regionalschule,property=pdf.pdf
(3) http://landesregierung.schleswig-holstein.de/
coremedia/generator/Aktueller_20Bestand/MBF/Information/
Schulgesetz/PDF/Eckpunkte_20Gemeinschaftsschule,property=pdf.pdf
(4) http://www.herbertgudjons.de
(5) http://www.elternverein.de
(6) http://www.elternverein.de/?mehr07012302
(7) http://www.cdu-hamburg.de/27006/Uploaded/
Eckpunkt-Ideen_Schulstrukturreform_15.01.2007.pdf
(8) http://www.gew-hamburg.de/Binaries/Binary1048/
Hamburger%20Erklaerung.pdf
(9) http://www.sabine-boeddinghaus.de
(10) http://www.zeit.de/2007/04/Glosse-04
(11) http://www.zeit.de/2007/04/Schule

Artikel von von Thorsten Stegemann, 02.02.2007 aus: TELEPOLIS

Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24527/1.html

Copyright © Heise Zeitschriften Verlag

3.2.07 12:00

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