»Seht her, eure Kinder sind stark«

Ein Kindergarten in Emden fördert sozial benachteiligte Mädchen und Jungen – und ihre Eltern

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Von Jeannette Otto, aus: DIE ZEIT©, 08.02.2007 Nr. 07
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Die neue Armut hat ein unscheinbares Antlitz. Im Stadtteil Transvaal im ostfriesischen Emden versteckt sie sich hinter den Fenstern der dunkelroten Neubaublocks, die erst vor wenigen Jahren im Zuge der Erneuerung des Viertels gebaut wurden, hinter den Mauern des Arbeitsamtes und hinter den Gesichtern vieler Kinder, die jeden Morgen in den Kindergarten Schwabenstraße kommen. Sie sehen aus, wie Kinder überall in Deutschland aussehen, tragen niedliche Zöpfe und Pferdeschwänze, rosafarbene Sweatshirts und die neuesten Hosen von H&M – und sie kaschieren damit ihre oft traurigen Geschichten. Mehr als die Hälfte der 106 Kinder aus der Schwabenstraße kommt aus Familien, in denen Eltern arbeitslos sind, alkohol- oder drogenabhängig, in denen der Vater fehlt, dafür aber umso mehr Geschwister zu versorgen sind. Sozial benachteiligte Elternhäuser sind in diesem Fall, bezogen auf Bildung und Förderung, meist auch »anregungsarme« Elternhäuser, in denen niemand vorliest oder mit den Kindern in den Zoo geht. Seit 25 Jahren beschäftigt sich die Kita-Leiterin Anita Jacobs mit einem Team von 18 Erzieherinnen und Erziehern mit der Frage, wie es gelingen kann, diese Kinder nicht nur anzunehmen, wie sie sind, sondern sie stark zu machen, ihnen ein »schöneres Bild von der Welt« zu vermitteln, als sie es täglich erleben.

In wenigen Tagen wird Anita Jacobs einen Preis der Bertelsmann Stiftung für die Arbeit ihres Kindergartens entgegennehmen. Es ist das erste Mal, dass jemand außerhalb Ostfrieslands ihr Engagement für sozial benachteiligte Kinder, ihre Eltern und ein ganzes Stadtviertel honoriert.

Mit dem Kita-Preis »Dreikäsehoch 2006« suchte die Bertelsmann Stiftung aus Gütersloh nach Leuchttürmen unter Deutschlands Kindergärten. Seit mehreren Jahren beschäftigt sich die Stiftung mit der Bildungsqualität im Vorschulalter. 2003 schrieb sie den Kita-Preis zum ersten Mal aus und setzte in diesem Jahr den Fokus auf »Bildungschancen für Kinder aus sozial benachteiligten Familien«. »Im Vorfeld der Ausschreibung ist uns aufgefallen, dass viele Kindergärten die Bereiche frühkindliche Bildung und soziale Benachteiligung gar nicht zusammen denken und dass dieses Thema in den vorschulischen Bildungsplänen der Länder überhaupt nicht auftaucht«, sagt Anke von Hollen, die den Kita-Preis bei der Stiftung betreut. 184 Kindergärten haben sich in diesem Jahr für den Preis beworben. Die Jury entschied einstimmig für Emden.

Die Stadt ist ein gutes Beispiel dafür, dass soziale Benachteiligung weit mehr ist als ein Migrantenproblem. Das Viertel Port Arthur/Transvaal lebte jahrzehntelang vom nahe gelegenen Hafen, hier wohnten die Arbeiter und Seefahrer. Heute hat in Emden jeder Zehnte keine Arbeit, trotz florierender Wirtschaft.


Am Mittagstisch erzählen einige von der Gewalt zu Hause

Im Kindergarten Schwabenstraße verschwinden die trostlosen Bilder für ein paar Stunden aus den Augen der Kinder. Weil sie hier so viel von dem finden, was sie draußen vermissen: Geborgenheit, Anerkennung, Fröhlichkeit. Aber nicht alles lässt sich vergessen. Am Mittagstisch erzählten sich die Hortkinder vor einiger Zeit, wie sie zu Hause geschlagen werden. »Das Erstaunliche daran war«, erinnert sich der Erzieher Edo Sieberns, »dass sie eine Möglichkeit gefunden haben, darüber zu reden und ihr eigenes Schicksal in Relation zu dem der anderen zu setzen.« Wenn die Kinder reden, ist das ein gutes Zeichen für Vertrauen. Das gilt auch für die Eltern. »Ich kann nicht mehr« ist ein Satz, den die Mitarbeiter der Kita häufig hören – und auf den sie reagieren müssen. »Es gibt Situationen, da dürfen wir nicht zögern, da geht es für die Familien ums Überleben«, sagt Anita Jacobs. Im Vordergrund steht für sie immer das Kind. »Aber dem Kind kann es nicht gut gehen, wenn es seiner Familie schlecht geht.«

Einen Tag vor den Weihnachtsferien bekam die Kita-Leiterin einen Anruf von einer Mutter, die ihr sagte, sie hätte nichts zu essen für die Feiertage, nicht mal Kartoffeln. Da fuhr Anita Jacobs einkaufen. Und niemand denkt in der Schwabenstraße darüber nach, ob solche Hilfsangebote ihre Zuständigkeit sprengen. Es ist »dieses etwas andere Berufsverständnis«, wie Edo Sieberns es nennt, das den Kindergarten Schwabenstraße so besonders macht. »Spielen, Basteln, Singen – das wäre uns einfach zu wenig.« Sieberns ist einer von acht Männern im Team, womit die männlichen Erzieher fast die Hälfte des Personals ausmachen – auch das hat in Deutschlands Kindergartenlandschaft äußersten Seltenheitswert. Männer, die jeden Tag da sind, die sich nicht aus dem Staub machen, die sich kümmern – das sind Erfahrungen, die viele Kinder mit ihren eigenen Vätern nie machen durften. Matthias Theissler arbeitet seit 20 Jahren in der Schwabenstraße. Er hat ein Labor aufgebaut, in dem er mit den Kindern tote Mäuse konserviert, Hamsterskelette untersucht und kleine Motoren oder Schaltkreise baut. Eine Welt, die ihnen der Fernseher im eigenen Kinderzimmer nicht erschließen wird. Etliche Kinder im Transvaal bekommen ihren ersten mit vier Jahren. »Für uns unvorstellbar, aber das sind Statussymbole. Eltern sind stolz, wenn sie sich die für ihre Kinder leisten können«, sagt Theissler. Er spricht jeden Tag mit den Eltern: »Wenn die nicht selbst kommen, dränge ich mich regelrecht auf.« Die Erzieher machen Hausbesuche, begleiten die Eltern zum Amt oder zum Arzt, übersetzen Briefe oder füllen Formulare mit ihnen aus. Oft sind sie die wichtigsten Gesprächspartner der Eltern, nicht nur in Erziehungsfragen, auch bei Liebeskummer, Geldsorgen, Ängsten. Einerseits ermöglicht ihnen diese Nähe, die Kinder besser zu verstehen, andererseits ist es ein großes Ziel des Kita-Teams, Vätern und Müttern »einen anderen Blick auf ihr Kind« zu eröffnen. Ihnen zu zeigen: Schau her, was es alles kann! »Oft sehen die Eltern nur Schwächen, wir suchen aber zuerst nach den Stärken, setzen bei den Ressourcen an«, sagt Jacobs. Am Ende könnte daraus die Hoffnung wachsen, dass die Armut irgendwann nicht mehr von einer Generation an die nächste vererbt wird. Es ist eine der größten Herausforderungen für das Team, dieser Wiederholung der Lebensläufe entgegenzusteuern. Das Thema Chancengleichheit steht seit 1985 im pädagogischen Konzept des Kindergartens – da waren Pisa und die Diskussionen über die Verlierer im deutschen Bildungssystem noch weit weg.

»Visionär denken und danach handeln« – das ist es, was Anita Jacobs antreibt, und das verlangt sie auch von jedem Mitarbeiter. Jeder Erzieher ist verpflichtet, unabhängig von Fortbildungen zwei bis drei Fachbücher pro Jahr zu lesen, die dann im Team diskutiert werden.

Anita Jacobs hat einen regelmäßigen Stadtteiltreff mit Lehrern, Sozialarbeitern, Pastoren und den Leitern benachbarter Kitas ins Leben gerufen; sie hat Mütter und Väter zum Kochen, Backen oder Fahrradreparieren in das Kindergartenprogramm eingebunden. Sie hat mit der Grundhaltung ihres Hauses »Nichts Menschliches ist uns fremd« eine so breite Vertrauensbasis im Stadtviertel geschaffen, dass Eltern mit problematischen Kindern in die Kita Schwabenstraße oft ihre letzte Hoffnung legen. Anita Jacobs hat nie abgewartet, bis die Stadt ihre Ideen abnickte. Wenn man im Rathaus von fünf bis sieben Jahren redet, bis sich der Kindergarten als Familienzentrum etablieren könnte, hat sie das alles schon dreimal zu Ende gedacht. Bereits jetzt öffnet die Kita abends und an den Wochenenden ihre Räume für einen Jugendtreff – seitdem ist der Vandalismus im Viertel erheblich zurückgegangen.


Die Kinder können zwischen acht Bildungsangeboten wählen

Durch ihren Kindergarten führt Anita Jacobs wie die Managerin eines aufstrebenden Unternehmens. Egal, ob Waschräume, Werkstatt, Nähstübchen oder Malatelier – sämtliche Ideen wurden ohne zusätzliches Geld oder Personal realisiert, mit viel Eigenleistung und Herzblut. Während einige Kinder Marmorkuchen backen, üben sich andere nebenan im Filzen, in der Werkstatt wird gesägt, gegenüber gesungen. Dass die Kinder jeden Tag zwischen fünf bis acht zusätzlichen Bildungsangeboten wählen können, haben sie der Hartnäckigkeit ihrer Chefin zu verdanken. Was bisher eher beliebig blieb, hat nun Struktur. Jacobs hat Verantwortliche und Stellvertreter benannt, lässt Pläne erstellen, Räume zuordnen, Anwesenheiten dokumentieren. Der Widerstand, der ihr anfangs aus dem eigenen Team entgegenschlug, schreckte sie nicht. Für sie zählt die bestmögliche Förderung jedes einzelnen Kindes, egal, welche Voraussetzungen es mitbringt. Die Fortschritte haben inzwischen auch das Team überzeugt.

Dankbar und glücklich kommen groß gewordene Kinder irgendwann zurück zu den früheren Erziehern, um ihre Schulabschlüsse oder die eigenen Kinder zu zeigen. Die Verbundenheit hält oft über mehrere Generationen. Vor einigen Monaten führte ein junger Mann seine Freundin durch seinen ehemaligen Kindergarten und sagte zu ihr: »Das hier ist eine Familie.« Wenige Wochen später lud er Anita Jacobs zu seiner Hochzeit ein. Er wollte ihren Segen.

Jeannette Otto - aus: DIE ZEIT©, 08.02.2007 Nr. 07

13.2.07 14:10

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