Eine Zukunft in Frieden - Brief aus Taizé von Frère Roger

Dieser Brief von Frère Roger, Taizé, wurde in 55 (u. a. 24 asiatische) Sprachen übersetzt und beim Europäischen Jugendtreffen in Lissabon veröffentlicht. Er dient im Jahr 2005 zum Nachdenken bei den wöchentlichen Jugendtreffen in Taizé und bei Treffen anderswo in Europa oder auf den anderen Erdteilen.
„Gott bereitet euch eine Zukunft des Friedens und nicht des Unheils; Gott will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben.“1
Unzählige Menschen sehnen sich heute nach einer Zukunft in Frieden, danach, daß die Menschheit von drohender Gewalt befreit wird.
Manche ergreift Angst vor der Zukunft und sie sind davon wie gelähmt, aber überall auf der Erde gibt es auch erfinderische, schöpferische Jugendliche.
Diese Jugendlichen lassen sich nicht in eine Spirale der Verdrossenheit hineinziehen. Sie wissen, daß Gott uns nicht zur Untätigkeit erschaffen hat. Für sie ist das Leben nicht einem blinden Schicksal unterworfen. Ihnen ist bewußt: Was den Menschen lähmen kann, sind Skepsis oder Entmutigung.
Deshalb wollen diese Jugendlichen mit ganzem Herzen einer Zukunft des Friedens und nicht des Unheils den Weg bereiten.
Mehr als sie vermuten, gelingt es ihnen bereits, ihr Leben zu einem Licht zu machen, das ihre Umgebung erhellt.
Es gibt Menschen, die Frieden und Vertrauen dorthin tragen, wo Gefahren drohen und Widerstreit herrscht. Sie halten durch, auch wenn sie schwere Belastungen oder Rückschläge auszuhalten haben.2
An manchen Sommerabenden, unter einem sternklaren Himmel, hören wir in Taizé die Jugendlichen durch die geöffneten Fenster. Wir sind nach wie vor erstaunt, wie zahlreich sie sind. Sie suchen, sie beten. Und wir sagen uns: Ihr Verlangen nach Frieden, ihre Sehnsucht nach Vertrauen sind wie diese Sterne, kleine Lichter in der Nacht.
Wir leben in einer Zeit, in der sich viele fragen: Was ist eigentlich der Glaube? Der Glaube ist ganz einfaches Vertrauen auf Gott, ein unerläßlicher, im Leben unentwegt neuer Aufbruch des Vertrauens.
In jedem Menschen können sich Zweifel regen. Sie haben nichts Beunruhigendes. Wir möchten vor allem auf Christus hören, der leise in unserem Herzen sagt: „Hast du Bedenken? Sei ohne Sorge, der Heilige Geist bleibt immer bei dir.“ 3
Manche machten die erstaunliche Entdeckung: Auch in einem Herzen, das von Zweifel befallen ist, kann sich die Liebe Gottes entfalten.4
Im Evangelium lautet eines der ersten Worte Christi: „Glücklich, die im Herzen einfach sind!“ 5 Ja, glücklich, wer auf die Einfachheit zugeht, im Herzen wie im Leben.
Ein Mensch mit einfachem Herzen sucht im gegenwärtigen Augenblick zu leben, jeden Tag als ein Heute Gottes zu empfangen.
Zeigt sich der Geist der Einfachheit nicht in der ungetrübten Freude und auch in der Fröhlichkeit?
Ein Mensch mit einfachem Herzen beansprucht nicht, ganz allein alles vom Glauben zu verstehen. Er sagt sich: Was ich kaum begreife, verstehen andere besser, und sie helfen mir auf meinen Weg weiter.6
Wer sein Leben vereinfacht, kann mit den Bedürftigsten teilen, um Leiden zu lindern, wo es Krankheit, Armut, Hunger gibt.7
Auch unser persönliches Gebet ist einfach. Meinen wir, daß es im Gebet viele Worte braucht?8 Nein, bisweilen genügen einige, manchmal auch unbeholfene Worte, um Gott alles anzuvertrauen, unsere Ängste wie unsere Hoffnungen.
Wenn wir uns dem Heiligen Geist überlassen, finden wir auf den Weg, der von der Unruhe zum Vertrauen führt.9 Und wir sagen zu ihm:
Heiliger Geist, gib, daß wir uns
in jedem Augenblick dir zuwenden.
So oft vergessen wir, daß du in uns wohnst,
daß du in uns betest, daß du in uns liebst.
Deine Gegenwart in uns ist Vertrauen
und stetes Verzeihen.
Ja, der Heilige Geist entzündet in uns ein Licht. Scheint es auch nur schwach – es weckt in unserem Herzen die Sehnsucht nach Gott. Und allein die Sehnsucht nach Gott ist schon Gebet.
Das Gebet befreit nicht davon, sich um die Dinge der Welt zu kümmern. Im Gegenteil, nichts ist verantwortlicher als zu beten: Je mehr man ganz einfach und bescheiden betet, desto mehr sieht man sich veranlaßt, zu lieben und es mit seinem Leben zum Ausdruck zu bringen.
Wo ist die Einfachheit zu finden, die unabdingbar zum Leben aus dem Evangelium gehört? Ein Wort Christi bringt uns Licht. Eines Tages sagte er zu seinen Jüngern: „Laßt die Kinder zu mir kommen, denn Menschen wie ihnen gilt Gottes Wirklichkeit.“10
Wer könnte genug hervorheben, was manche Kinder durch ihr Vertrauen weitergeben können?11
So möchten wir Gott bitten: „Gott, du liebst uns, mache uns zu schlichten Menschen, schenke uns tiefe Einfachheit im Gebet, in den menschlichen Beziehungen, in der Gastfreundschaft...“
Jesus, der Christus, ist nicht auf die Erde gekommen, um irgendwen zu verurteilen, sondern um den Menschen Wege zur Gemeinschaft zu bahnen.
Seit zweitausend Jahren ist Christus durch den Heiligen Geist gegenwärtig,12 und seine geheimnisvolle Gegenwart wird in einer sichtbaren Gemeinschaft13 greifbar: Sie vereint Frauen, Männer, Jugendliche, die berufen sind, gemeinsam auf dem Weg zu sein, ohne sich voneinander zu trennen.14
Im Lauf ihrer Geschichte haben die Christen aber vielfältige Erschütterungen erlebt: Es kam zu Trennungen unter ihnen, obwohl sie sich auf denselben Gott der Liebe beriefen.
Es ist dringlich, Gemeinschaft heute wiederherzustellen; das kann nicht ständig auf später, auf das Ende der Zeiten verschoben werden.15 Tun wir alles Erdenkliche dafür, daß die Christen für den Geist der Gemeinschaft wach werden?16
Es gibt Christen, die ohne Aufschub ganz schlicht, ganz einfach schon vor Ort miteinander in Gemeinschaft leben.17
Durch ihr Leben möchten sie Christus für viele andere gegenwärtig machen. Sie wissen, daß die Kirche nicht für sich selbst da ist, sondern für die Welt, dafür, einen Sauerteig des Friedens in die Welt einzubringen.
„Gemeinschaft“ ist einer der schönsten Namen der Kirche: In ihr kann es nicht hartes Gegeneinander geben, sondern nur Lauterkeit, Herzensgüte, Erbarmen... und die Tore der Heiligkeit können sich auftun.
Im Evangelium wird uns eine überraschende Entdeckung zuteil: Gott ruft weder Angst noch Sorge hervor, Gott kann uns nur lieben.
Durch die Gegenwart seines Heiligen Geistes kommt Gott und verklärt unser Herz.
Und im schlichten Gebet können wir ahnen, daß wir nie allein sind: Der Heilige Geist stärkt unsere Gemeinschaft mit Gott, nicht nur für einen Augenblick, sondern bis in das Leben, das kein Ende kennt.
(1) Diese Worte wurden sechshundert Jahre vor Christus geschrieben: vgl. Jeremia 29,11 und 31,17.
(2) Seitdem sich im vergangenen Jahr zehn neue Länder der Europäischen Union angeschlossen haben, ist vielen jungen Europäern bewußt, daß sie auf einem Erdteil leben, der seine Einheit sucht und Wege des Friedens einschlägt, nachdem er lange Zeit von Trennungen und Konflikten heimgesucht wurde. Freilich bleiben Spannungen, Ungerechtigkeiten und manchmal offene Gewalt, die Zweifel wecken. Es kommt deshalb darauf an, nicht auf dem Weg stehenzubleiben: Die Suche nach Frieden liegt an der Quelle des Aufbaus Europas. Dieser wäre uns jedoch kein Anliegen, hätte er nur zum Ziel, einen stärkeren, reicheren Erdteil zu schaffen, und auch nicht, wenn Europa dabei der Versuchung erläge, sich nur mit sich selbst zu beschäftigen. Europa wird sich erst dann voll gerecht, wenn es sich für die anderen Erdteile öffnet, mit den armen Nationen solidarisch ist. Sein Aufbau hat erst dann einen Sinn, wenn er als eine Etappe im Dienst am Frieden für die ganze Menschheitsfamilie aufgefaßt wird. Deshalb möchten wir unsere Jugendtreffen am Jahreswechsel – wenn sie auch „Europäische Treffen“ heißen – eher als einen „Pilgerweg des Vertrauens auf der Erde“ verstehen.
(3) Vgl. Johannes 14,16-18 und 27. Gott existiert unabhängig von unserem Glauben oder unserem Zweifeln. Wenn sich in uns Zweifel regen, entfernt sich Gott deshalb nicht von uns.
(4) Dostojewski notierte einmal: „Ich bin ein Kind des Zweifels und des Unglaubens. Welch schreckliches Leiden kostete und kostet mich der Durst nach Glauben, der in meiner Seele um so stärker brennt als es in mir Gegenargumente gibt. (...) Durch das Fegefeuer des Zweifels ist mein Hosanna gegangen.“ Und dennoch konnte Dostojewski fortfahren: „Es gibt nichts Schöneres, nichts Tieferes, nichts Vollkommeneres als Christus; das gibt es nicht, es kann es nicht geben.“ Dieser Mann Gottes läßt durchblicken, daß in ihm gleichzeitig ein Nichtglaubender und ein Glaubender leben, dies beeinträchtigt aber seine leidenschaftliche Liebe zu Christus in keiner Weise.
(5) Matthäus 5,3
(6) Selbst wenn unser Vertrauen ungefestigt bleibt, stützen wir uns nicht nur auf unseren eigenen Glauben, sondern auf das Vertrauen der Menschen, die uns vorausgegangen sind, und derer, die uns umgeben.
(7) Die Ernährungs- und Agrarorganisation der Vereinten Nationen veröffentlichte kürzlich Welt-Hunger-Karten. Trotz der in den letzten Jahren gemachten Fortschritte leiden 840 Millionen Menschen Hunger, darunter 180 Millionen Kinder unter fünf Jahren.
(8) vgl. Matthäus 6,7-8
(9) Für alle, die sich Gott überlassen wollen, können einfache, oft wiederholte Gesänge eine Hilfe sein, zum Beispiel dieser: „Mon âme se repose en paix sur Dieu seul (Bei Gott bin ich geborgen, still, wie ein Kind).“ Solche Gesänge klingen bei der Arbeit wie in der Freizeit im Herzen nach.
(10) Matthäus 19,14
(11) Ein neunjähriger Bub, der eine Woche lang bei den Gebeten in unserer Nähe saß, sagte einmal zu mir: „Mein Vater hat uns verlassen. Ich sehe ihn nie, aber ich liebe ihn immer noch und bete am Abend für ihn.“
(12) vgl. 1 Petrus 3,18; Römer 1,4 und 1 Timotheus 3,16
(13) Diese Gemeinschaft trägt den Namen Kirche. Im Herzen Gottes ist die Kirche eins, kann sie nicht geteilt sein.
(14) Je mehr wir uns dem Evangelium nähern, desto mehr nähern wir uns einander an. Und die Trennungen, die zerrissen haben, treten zurück.
(15) Christus ruft dazu auf, sich ohne Aufschub zu versöhnen. Wir können sein Wort im Matthäusevangelium nicht vergessen: „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, dann geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder“ (5,23). „Geh zuerst“, und nicht: „Verschiebe es auf später“.
(16) In Damaskus, im leidgeprüften Nahen Osten, lebt der griechisch-orthodoxe Patriarch Ignatios IV. Er schrieb ergreifende Worte: „Die ökumenische Bewegung ist rückläufig. Was bleibt vom prophetischen Ereignis der Anfänge, das unter anderem Persönlichkeiten wie Papst Johannes XXIII. und Patriarch Athenagoras verkörperten? Unsere Spaltungen machen Christus unkenntlich, sie stehen seinem Willen entgegen, uns vereint zu sehen, ‚damit die Welt glaube’. Wir benötigen dringend prophetische Initiativen, um die Ökumene aus den Mäandern herauszuführen, in die sie sich, wie ich fürchte, gerade verstrickt. Wir brauchen dringend Propheten und Heilige, um unseren Kirchen zu helfen, sich durch gegenseitiges Verzeihen zu bekehren.“
(17) Bei seinem Besuch in Taizé, am 5. Oktober 1986, verwies Papst Johannes-Paul II. auf einen Weg der Gemeinschaft, als er zu unserer Communauté sagte: „Ihr wollt selbst ein ‚Gleichnis der Gemeinschaft’ sein und helft damit allen, denen ihr begegnet, ihrer kirchlichen Zugehörigkeit, die Frucht ihrer Erziehung und ihrer Gewissensentscheidung ist, treu zu sein, jedoch auch, sich immer tiefer auf das Geheimnis der Gemeinschaft einzulassen, das die Kirche im Plan Gottes ist.“

Letzte Aktualisierung: 21. März 2006

Quelle: http://www.taize.fr/de_article1520.html