Wer bin ich?

Von Elternhaus über Schule und Ausbildung bis zu Partnerwahl und eigener Familie: Verborgene Muster prägen unsere Handlungen und Einstellungen. Wer sich besser kennen lernen (und verändern!) will, muss erst einmal den roten Faden in seinem Leben entdecken. Wie das geht? Erzählen Sie doch einmal Ihre ganz persönliche Geschichte.


„Wir sind Ruinen in der Vergangenheit
und Baustellen in der Zukunft.“

(Henning Luther – Praktischer Theologe in Marburg an der Lahn)


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Text: „emotion“, April 2006, S. 57ff. Heike Dierbach – Auswahl der Zitate jenska
„emotion“ finden Sie im Internet unter http://www.emotion.de
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Kennen Sie Ihre eigene Geschichte?

Natürlich, Sie waren ja dabei. Aber das ist noch nicht die ganze Wahrheit. Fragen Sie zum Beispiel drei Menschen, die dieselbe Reise erlebt haben, nach ihren Erinnerungen daran: Sie werden Ihnen drei verschiedene Geschichten erzählen. Welche ist wahr? Alle drei, denn jeder erzählt die Reise so, wie er sie empfunden hat. Genauso ist es mit der Geschichte unseres Lebens. Sie ist noch nicht festgemacht – sie wird es erst in der Minute, in der wir sie selbst erzählen. Und genau in dem Moment haben wir auch die Freiheit zu bestimmen, was für eine Geschichte wir aus unserer Reise machen: ein Märchen, eine Romanze, ein Drama, eine Tragödie – oder doch lieber eine Komödie? Das ist keine Frage der Tatsachen, nur eine des Blickwinkels. Wir sind es, die den Ereignissen ihre Bedeutung geben. Indem wir davon erzählen, verleihen wir unserem Lebenslauf eine Wahrheit, unsere Wahrheit.
Einer der größten Erzähler von Lebensgeschichten, Gabriel Garcia Márquez, sagt in seiner Autobiografie: „Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, woran wir uns erinnern und wie wir uns daran erinnern, um davon zu erzählen.“

Es gibt viele Blickwinkel auf die eigene Geschichte

Fast jeder Mensch erreicht in seinem Leben Punkte, an denen er sich fragt: Wie bin ich hierher gekommen? Meist sind es Krisen, die uns zweifeln lassen, ob unserer Weg der richtige war. Warum habe ich mir vor zehn Jahren gerade diesen Mann ausgesucht, der mich jetzt für eine Jüngere verlässt? Aber auch Erfolge können Anstoß sein, noch einmal auf die zurückgelegte Strecke zu blicken: Jetzt habe ich den Traumjob – wie habe ich das eigentlich geschafft? Wo habe ich die richtigen Weichen dafür gestellt?
Wer erzählt, wie er sein Leben gestaltet hat, erzählt auch, warum. Denn gerade die großen Entscheidungen, die spektakulären Erfolge und bitteren Enttäuschungen verraten unsere Träume, Wünsche und Hoffnungen an das Leben. Warum bin ich mit 19 allein durch Australien gereist? Weil mir Mut und Abenteuerlust wichtig sind. Warum habe ich mir einen treuen, aber langweiligen Partner ausgesucht? Weil ich Angst davor habe, verlassen zu werden. Wer von seinem Leben erzählt, gibt es von seinem Innersten preis – anderen, aber vor allem sich selbst. Die eigene Geschichte liefert die Antwort auf die Frage: Wer bin ich?
Selig, wer sich vor der Welt
ohne Hass verschließt,
einen Freund am Busen hält
und mit ihm genießt!

Johann Wolfgang von Goethe
(1749 – 1832)


Das Leben ist keine Folge zufälliger Ereignisse

Sich diese Frage zu stellen, ist lebenswichtig. Denn wer nicht weiß, wer er ist, was auch nicht, was er braucht, um glücklich zu sein. Persönliche Identität nennen das die Psychologen. Die wissenschaftliche Definition dafür lautet: Identität ist der „lebensgeschichtliche Zusammenhang zwischen den Erfahrungen, die ein Mensch gemacht hat, der rote Faden, der sich durch den Strom der Ereignisse hindurchzieht“. Jeder hat einen solchen roten Faden – und jeder braucht ihn.
Denn die Vorstellung, unser Leben sei nicht mehr als eine Abfolge zufälliger Ereignisse ohne tieferen Sinn, wäre für die Seele unerträglich. Indem wir unser gelebtes Leben erzählen, entreißen wir es nachträglich dem Zufall und der Bedeutungslosigkeit. Wir setzen die vielen einzelnen Kapitel zu einem sinnvollen Ganzen zusammen. „Narrare necesse est“, sagt der Gießener Philosoph Odo Marquard: Erzählen ist notwendig.
Aber klingt „roter Faden“ nicht sehr nach „wissen, was man will“, nach stringentem Lebenslauf, der mit 29 auf den Juniorchefsessel, mit 31 aufs Standesamt und mit 33 in den Mutterschutz führt? Keine Sorge: Er muss keineswegs so straff gespannt sein. Er kann schlängeln, treppauf, treppab führen und reißt doch nicht ab. Sie findet Ihren roten Faden auf der spannendsten Reise Ihres Lebens – der in Ihre eigene Vergangenheit.
Erste Station sind natürlich Geburt und Kindheit: Wo begann die Wanderung, auf einer sonnigen Sommerwiese oder in einem dunklen Wald? Wie viel Gepäck war mitzuschleppen? Das Elternhaus prägt den eigenen Lebensentwurf, auch wenn man sich in einigen Fällen am liebsten ganz davon lossagen würde. War schon als Kind klar, dass ich einmal studieren werde? Vielleicht sogar einen Doktor mache? Große Erwartungen können einen helfen voranzukommen, sie können aber auch belasten. Vielleicht habe ich mir aber auch deshalb den eigenen Traum, Biogärtner(in) zu werden, nicht erfüllt.

Ob man traurig oder heiter gestimmt ist,
die Dinge gehen ihren Gang.
Und ein Ereignis mag gut oder schlecht sein,
man muss es hinnehmen und seinen Ärger herunterschlucken,
wenn einem das Glück zuwider ist.

Friedrich II., der Große
(1712 – 1786)


Wie Vorbilder und Einflüsse uns prägen
Im Elternhaus liege die Wurzel allen Heils und Übels, das einem als Erwachsenem widerfährt – noch immer glauben das viele Menschen. Wer also am Anfang die falsche Karte zieht, macht im restlichen Spiel keinen großen Stich mehr. Die Psychologie sieht das heute weniger fatalistisch. Die Kindheit ist zwar eine wichtige Station im Leben, aber eben nur eine. Das beweisen zum Beispiel die „unverwundbaren Kinder“: etwa ein Mädchen, das im Elternhaus vernachlässigt und missbraucht wird – und dennoch später ein erfülltes Leben und eine liebevolle Partnerschaft führt. Vielleicht, weil es die Suche nach Frieden zu seinem roten Faden gemacht hat.
Die Eltern sind zum Glück nicht die einzigen, die uns prägen. Denn wir sind auf unserer weiteren Wanderung ja nicht allein unterwegs – viele andere gehen mit uns zusammen: Verwandte, Nachbarn, Freunde, Feinde, Lehrer, Partner, Kollegen, Vorgesetzte und später auch die eigenen Kinder. Auch von ihnen müssen wir erzählen.
Denn niemand lebt für sich allein. Die populäre These, dass der moderne Mensch sein Leben vollkommen autonom plane, stimmt psychologisch nicht. Der Homo sapies ist immer noch ein soziales Wesen, das ohne Artgenossen nicht leben kann. Bis zu einem gewissen Grad offen für die Einflüsse anderer zu sein ist also ein Zeichen seelischer Gesundheit. Biografieforschung ist deshalb auch ein sozialer Prozess: Wer hat mir die Richtung gewiesen? Vielleicht stelle ich fest, wie wichtig das Vorbild der lustigen, unverheirateten Tante war – und dass es kein Wunder ist, dass ich es mit dem Heiraten selbst auch nicht eilig habe.


„Kein Mensch ist so schlecht, dass er außerhalb jeder Möglichkeit der Erlösung stünde.
Auf der andern Seite ist aber auch kein Mensch so vollkommen, dass er das Recht hätte,
den vorgeblich Unverbesserlichen zu vernichten.“

Mahatma Gandhi in der Zeitung „Young India“, 26.03.1931



Mit dunklen Kapiteln können wir uns versöhnen
Der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung spannte den Bogen sogar noch weiter. Er untersuchte, wie persönliche Lebensgeschichten beeinflusst werden von dem, was wir über das Leben von Menschen in längst vergangene Zeiten wissen: Unsere Vorfahren sind zugleich unsere Vorbilder. Überliefert werden diese Vorbilder in Erzählungen, in Sagen und Märchen. Durch sie melden sich Schichten der menschlichen Seele zu Wort, die sich im Laufe der Jahrhunderte kaum verändert haben. Wir denken und fühlen heute nicht viel anders als unsere Vorfahren im Kettenhemd.
Aber was hat zum Beispiel das Leben einer erziehenden Mutter mit der Nibelungensage zu tun? Eine ganze Menge! In beiden Fällen geht es nämlich um Helden. Der Königssohn Siegfried muss hinaus in die Welt, muss Schlachten schlagen und allerlei Entbehrungen erdulden – aber das muss sein, sonst wäre er ja kein Held. Als Lohn bekommt er die Prinzessin Kriemhild zur Frau. Die allein erziehende Mutter hat auch Kämpfe durchzustehen: das überzogene Konto, den Schlafmangel, den ewigen Berg Bügelwäsche. Aber dafür hat sie am Ende die Liebe ihrer Kinder und den Triumph, es allein geschafft zu haben – eine Heldin zu sein. Das Streben nach Heldentum ist häufig ein roter Lebensfaden, gerade unter Frauen.
Deshalb müssen wir auch (und gerade) die dunklen Kapitel unserer Geschichte erzählen. Oft wird im Nachhinein deutlich, dass sich die Tränen gelohnt haben. Dann kann aus dem Schicksalsschlag eine Herausforderung werden und aus der schmerzhaften Trennung eine Befreiung. Hätte mich mit 29 nicht meine Jugendliebe verlassen, hätte ich mit 33 nicht den Vater meiner Kinder kennen gelernt. Und vielleicht hat ja auch die Scheidung von ihm irgendwann ihr Gutes ... Einzelne schmerzhafte Ereignisse in einen sinnvollen Zusammenhang einzuordnen, kann versöhnen und entlasten.

Mitfreude, nicht Mitleiden, macht den Freund.
Friedrich Nietzsche
(1844 – 1900)


Der rote Faden hilft, die Zukunft zu gestalten
Aber nicht immer erkennen wir beim Erzählen den Siegfried in uns. Vielleicht schält sich auch heraus, dass wir unbewusst Dornröschen nachgeeifert haben. Zu erkennen, dass man jahrzehntelang vergeblich darauf gewartet hat, dass ein Prinz kommt und das Kindheitstrauma heilt, kann wehtun. Dennoch lohnt es sich, auch diesen roten Faden in die Hand zu nehmen. Nur dann können wir jene Fasern herausziehen, die uns auf falsche Fährten geführt haben – und überlegen, woraus der Faden in Zukunft gesponnen sein soll. Und das ist dann schon wieder eine kleine Heldinnen- oder Heldentat.
Denn das Ziel der Reise in die Vergangenheit ist immer die Zukunft: Bis hierher – und wie weiter? Wie möchte ich die weißen Blätter füllen, die noch vor mir liegen? Wer weiß, welche Stärken und Schwächen ihn auf seinem Weg geleitet haben, kann diese bewusster für sich nutzen. Die Australienreise habe ich damals mit Humor und Organisationstalent bewältigt – so schaffe ich jetzt auch die Gründung meiner Unternehmungsberatung. Ohne die Hilfe meiner Freunde hätte ich wohl den Krebs nicht besiegt – ich möchte auch in Zukunft genug Zeit für sie haben. Auf der Massenuniversität fühlte ich mich verloren – ich suche mir jetzt lieber einen Job in einer kleinen Firma. Wer seine Geschichte kennt, kann besser dafür sorgen, dass sich Erfolge wiederholen und Misserfolge nicht. Auch deshalb ergibt praktisch jede neue Studie, dass alte Menschen glücklicher sind als junge: Sie können auf mehr Geschichte als Richtschnur zurückgreifen.
Vielleicht ist man bei der Wanderung aber auch über einen verschütteten Traum gestolpert, der nun erneut ans Licht drängt. Die Rockband habe ich damals aufgegeben, weil ich unerwartet schwanger wurde – warum nicht jetzt das Schlagzeug wieder aus dem Keller holen? Die „Sprengkraft ungelebten Lebens“ nennen das die Psychologen. Niemand kann alle Möglichkeiten, die ihm das Leben bietet, realisieren, schon gar nicht gleichzeitig. Aber hintereinander doch einige!


„Der Imagination verdanken wir unsere schöpferischen Gestaltungen.
Sie kann aber auch uns selbst heilend umgestalten,
wenn es zu einem Dialog zwischen Ich
und Unbewusstem kommt.“

Verena Kast - „Imagination als Raum der Freiheit“


Finden Sie heraus, wohin ihr Weg geht
Deshalb trauen Sie sich! Fragen Sie sich und andere: Wohin des Wegs? Schnüren Sie die Wanderschuhe und machen Sie sich auf die Berge und Täler Ihres vergangenen Lebens. Nehmen Sie vielleicht eine Freundin oder einen Freund mit. Wagen Sie es gemeinsam, Ihrem roten Faden zu folgen, auch wenn er mal durch reißende Flüsse und tiefe Höhlen führt. Es lohnt sich! Sie werden sich anerkennend auf die Schulter klopfen, ungläubig staunend auf die Schulter klopfen, ungläubig staunen, den Kopf über sich schütteln, vielleicht auch trauern – aber hoffentlich auch viel über sich selbst lachen. Und am Ende werden Sie sich viel besser kennen und vielleicht genauer wissen, wohin der Weg gehen soll. Der rote Faden hat keinen festgelegten Verlauf. Er will immer neu gefunden werden. Die Suche nach Identität ist eine Wanderung zum Horizont: Wir kommen nie ans Ziel. Aber Schritt für Schritt voran.


Heute hier, morgen dort,
bin kaum da, muss ich fort,
hab’ mich niemals deswegen beklagt,
hab’ es selbst so gewählt,
nie die Jahre gezählt,
nie nach Gestern und Morgen gefragt.

Lied von: Hannes Wader