Versöhn dich!
Wer aufhört, anderen etwas nachzutragen, hat es leichter im Leben. Aber: Vergeben heißt nicht verdrängen oder vergessen. Text: Andrea Freund – Quelle: „emotion“ Juni 2006, S.89ff.
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Susanne spricht nicht mehr mit Charlotte. Die beiden kennen sich seit mehr als 30 Jahren. Doch was zählt das noch? Schon wieder hat ihr Charlotte nicht zum Geburtstag gratuliert. Leider nichts Neues. Aber sonst hat sie wenigstens ein paar Tage später angerufen, sich wortreich entschuldigt und etwas von „einfach zu viel los“ gesagt, dass Sohn Max krank gewesen sei und ihr Job am Flughafen schrecklich hektisch. Diesmal liegt Susannes 38. Geburtstag schon zehn Tage zurück und Charlotte hat sich immer noch nicht gemeldet. Susanne ist es leid. Wenn sie ihrer Freundin nicht einmal einen kurzen Anruf wert ist, dann meldet sie bei Charlotte eben auch nicht mehr. Ihr verzeihen? Warum? Schließlich ist sie im Recht, oder?

Wer Freunde sucht, ist die zu finden wert:
wer keinen hat, hat keinen noch begehrt.
Gotthold Ephraim Lessing
(1729 – 1781)


Wir stecken viele kleine Stiche ein
Es müssen nicht Ehebruch, Verrat oder andere dramatische Erfahrungen sein – schon Kleinigkeiten genügen, uns dauerhaft seelisch zu verletzen und zu kränken. Die Kollegin beantwortet unsere E-Mails nicht, der Chef gibt die interessanten Aufträge immer anderen, die Nachbarin grüßt nie im Treppenhaus und die eigene Schwester vertraut darauf, dass man selbst sich mal wieder um das gemeinsame Geschenk für die Eltern kümmert. Über Tage, Monate und Jahre hinweg stecken wir an verschiedenen Fronten viele kleine Stiche ein. Zu viele. Die Toleranzschwelle sinkt. Und deshalb scheint es uns oft unmöglich, in heiklen Situationen gelassen zu bleiben, geschweige denn freimütig zu vergeben.
„Dabei ist es so wichtig, auch die kleinen Verletzungen des Alltags zu verzeihen, damit wir innerlich heil bleiben“, sagt Psychologieprofessor Reinhard Tausch, der an der Hamburger Universität pädagogische und klinische Psychologie lehrt. „Wunden heilen nur wenn sie nicht immer wieder durch Wut aufgerissen werden.“ In Gesprächen und Seminaren erkannte Tausch: „Wer sich lange Zeit verletzt fühlt, empfindet Abneigung, Bitterkeit, sogar Hass.“ Um so verblüffender, dass Vergebung für die Psychologie lange überhaupt kein Thema war. „Dieser seelische Vorgang wird in der Literatur fast nie erwähnt“, wunderte sich der Experte zu Beginn der 90er Jahre. Seine Beobachtungen waren es, die zur ersten deutschen Studie auf diesem Gebiet führten. Das Ergebnis: Allein die gedankliche Auseinandersetzung strengte die Probanden an. Von 200 befragten Personen lehnten 130 das Ausfüllen der Fragebögen ab, 27 Prozent fühlten sich während des Ausfüllens „deutlich“, 43 Prozent „etwas belastet“. Wenn Vergeben schon in der Theorie so schwer fällt, wie Kräfte zehrend ist es dann erst in der Praxis!

Alle Fehler, die man macht, sind eher zu verzeihen als die Mittel,
die man anwendet, um sie zu verbergen.
Francois de La Rochefoucauld
(1613 – 1680)

Der Stolz steht uns im Weg
Wer sich für das Verzeihen entscheidet, gilt schnell als feige. In unserer leistungsorientierten Gesellschaft scheint es kein erstrebenswertes Verhalten zu sein. Es gibt weit mehr Bücher, die dazu raten, Stärke zu beweisen, sich durchzusetzen, als solche, die Sanftmut und Verständnis für andere proklamieren. Schon in der Schule hat man den Eindruck, mit Ellenbogeneinsatz eher zum Erfolg zu kommen. Offenbar müssen wir das Verzeihen wieder – oder überhaupt erst – lernen, so unerfahren und ungeübt sind wir darin. Zum Beispiel in psychologischen Seminaren. Professor Tausch unterrichtet Vergeben mittlerweile seit 23 Jahren. Die Erfahrung lehrte ihn, dass es besonders schwer fällt, wenn man ständig an das erlittene Unrecht denkt, da so Gefühle der Erniedrigung geschürt werden. Weitere Gründe für das Nicht-verzeihen-Können: Manche Menschen glauben, mit Dauergroll Macht über andere auszuüben oder sehen Feindseligkeit als Rache. Oft steht der eigene Stolz einer Versöhnung im Weg oder die Furcht, sich nicht mehr behaupten zu können. Einer von Tauschs Patienten sagte einmal: „Wenn ich nachgebe, wo bleibt da meine Anerkennung? Ich will nicht erniedrigt werden!“ Zu vergeben bedeutet für viele, sich etwas zu vergeben. Die andere Wange auch noch hinhalten? Christus konnte das, aber ich?

Der wahre Freund ist wie du selbst;
der Feind aber ist anders als du –
und das ist seine Stärke
Leonardo da Vinci
(1452 – 1519)


Mit Geduld zur Gelassenheit
Schon das Wort Verzeihen/Vergeben wiegt schwer. Nach 2000 Jahren ist es so eng mit dem Wertekodex der christlichen Kirche verwoben, dass man bei seiner Erwähnung beinahe unwillkürlich an den Beichtstuhl oder das „Vater Unser“ denkt. „Es ist die Botschaft Jesus’“, bestätigt Tausch. Und erklärt weiter, dass hier unmöglich die Ursache dafür liegt, dass viele Therapeuten bis heute den Begriff der Vergebung vermeiden: um Wissenschaft und Glaube nicht miteinander zu vermengen. Schließlich ist es nach christlicher Vorstellung Gott, der dem Menschen vergibt. So galt es fast als übermenschliche Leistung als Papst Johannes
Paul II. Ali Agca, den Mann, der 1981 ein Attentat auf ihn verübt hatte, im Gefängnis besuchte.
Man muss aber nicht an Gott glauben, um vergeben zu können. Manchem fällt dies schon leichter, sobald man den Begriff „vergeben“ durch „verzeihen“ ersetzt. „Wenn die Menschen sich überhaupt mit der Möglichkeit befassen, zu vergeben oder zu verzeihen, und dies auch tun, geschieht das meist ohne religiösen Hintergrund“, weiß Tausch aus seiner Praxis. Sie wollen vor allem wieder mit sich selbst in Harmonie leben, nicht weiter von Ärger, Wut und Bitterkeit zerfressen werden. Nicht mehr einem anderen etwas nachtragen, was anstrengend ist, weil dadurch die eigene Lebensenergie gebunden wird. Nicht länger an etwas haften, sondern loslassen, wie es auch der Buddhismus empfiehlt. Das Leben ist Leiden, solange der Mensch die Dinge bewertet und nicht nur einfach wahrnimmt, was ist. „Wem das gelingt, der lebt viel glücklicher“, sagt Tausch. Und um auf Susanne und Charlotte zurückzukommen: Objektiv betrachtet, ist ein ausbleibender Telefonanruf noch lange kein Liebesentzug.
Wie aber kommt man zu dieser gelassenen Einstellung? Mit Geduld. Nachdem der Zorn verraucht ist. Und dann „muss man in sich den Wunsch verspüren zu vergeben“, sagt Tausch, sonst kann es nicht gelingen. Ist dieser Wunsch erst einmal da, fällt es schon nicht mehr ganz so schwer, sich die jeweilige Situation noch einmal vor Augen zu führen und sich mit sich selbst ehrlich auseinander zu setzen. Bin ich gekränkt aus Eitelkeit oder geht es tiefer? Nehme ich mich zu wichtig? Was habe ich zu der Situation beigetragen? Welche Gründe könnten den anderen bewogen haben, so zu handeln, wie er es getan hat? Kann ich ihm vielleicht sogar helfen? Kann ich mich in Zukunft anders verhalten? Und: wiegt die Sympathie für den anderen nicht schwerer als die eigene Verletztheit? „Man beharrt nicht mehr auf seiner Position, sondern wird flexibler, auch in der Beurteilung der Sache“, sagt Tausch. Man gibt ein Stück seines Egos auf. Damit ist aber nicht gemeint, Gefühle wie Wut, Ärger oder Zorn zu ignorieren oder zu verdrängen. Im Gegenteil: Es geht um ein bewusstes Beschäftigen mit diesen destruktiven Emotionen, darum, die damit verbundene Energie zu nutzen. So unangenehm diese Empfindungen auch sein können: Oftmals helfen sie sogar, etwas mehr über sich selbst zu erfahren und daran zu reifen. Auf diese Art und Weise kann man häufig ein altes, überflüssig gewordenes Reaktionsmuster entdecken. Vielleicht fühlte sich Susanne ja früher von ihrer älteren Schwester vernachlässigt, wenn diese sie nicht mit zum Spielen nahm, obwohl sie es versprochen hatte? Und Charlottes Verhalten erinnert an den alten Schmerz.

Nicht Berechnung macht Menschen zu Freunden,
sondern das Bedürfnis nach verständnisvoller Gemeinsamkeit.
Marcus Tullius Cicero
(106 – 43 v. Chr.)


Die Opferrolle verlassen
Ändert sich erst einmal der Gedanke und damit die Beurteilung einer Situation, ändern sich auch die Gefühle. Und das hat positive Auswirkungen auf die Gesundheit. „Wenn keine negativen Empfindungen mehr vorhanden sind, ist der Mensch weniger Stress ausgesetzt und kann sich insgesamt leichter entspannen: Der Blutdruck sinkt, Herzkreislaufprobleme und Atembeschwerden verringern sich“, berichtet Psychologieprofessor Tausch. „Vergebung trägt zu einem größeren körperlichen Wohlbefinden bei.“
Zu diesem Ergebnis sind auch seine Kollegen in den USA gekommen, wo bereits seit den 80er Jahren über das Wesen der Vergebung geforscht wird. „Verzeihen reduziert Stresssymptome wie Kopf- und Magenschmerzen bis hin zu Müdigkeit und Schwindel“, sagt der Arzt Frederic Luskin, der an der kalifornischen Stanford University ein „Forgiveness“-Projekt mitbegründet hat. „Die Fähigkeit zu vergeben ist latent in allen Menschen vorhanden“, so Luskin. Da es sich aber um eine komplexe kognitive Fähigkeit handele, müsse sie mehr trainiert werden als andere emotionale Strukturen. „Für uns ist es leichter, Ärger, Wut, Verzweiflung und Selbstbezogenheit zum Ausdruck zu bringen als Mitgefühl, Nachsicht und Vergebung.“ Es ist eben ein anstrengender Prozess, ein unangenehmes Gefühl erst einmal wahrzunehmen, es dann zu benennen und dabei zu merken, dass man selbst auch nicht nur friedliebende Gedanken hegt. Man muss anerkennen, verletzt worden zu sein, und im nächsten Schritt dieses Gefühl ebenso loslassen wie den Wunsch, es dem anderen heimzuzahlen, ihn gleichfalls zu verletzen
Dann kann, aber es muss nicht zur Versöhnung kommen. „Wenn wir verzeihen, tun wir das ausschließlich für uns selbst“, sagt Luskin. Wer sich versöhnen möchte, kann den anderen sagen, wie er jetzt empfindet, ihm einen Brief schreiben oder durch eine Geste klar machen, dass er mit sich und ihm wieder im Reinen ist. Mit dem Verzeihen ist aber vor allem der bewusste Entschluss verbunden, die Opfersituation zu verlassen und Verantwortung für seine eigenen Gefühle zu übernehmen. Selbst zu entscheiden, was man fühlen will. „Wir haben die Fernbedienung in der Hand und können selbst darüber bestimmen, ob wir den Grollkanal eingeschaltet lassen oder nicht.“ Vergeben bedeutet nicht verdrängen oder vergessen. Es bedeutet, einen anderen Blickwinkel einzunehmen und mehr Leichtigkeit in sein Leben zu bringen. Das kann kein anderer für einen übernehmen.
Ei beeindruckendes Beispiel dafür, welche Kraft Verzeihen freisetzen kann, ist das Verhalten von Eva Kor: Im Frühjahr 1944 kommt die damals Zehnjährige mit ihrer Mutter und ihrer Zwillingsschwester in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Dort werden die Mädchen Opfer von Josef Mengeles grausamen Experimenten. Beide überleben das Lager, doch Miriam stirbt 1993 an den Spätfolgen des Nieren schädigenden Gifts, das der KZ-Arzt ihr injiziert hatte. Bei der Recherche nach Mengeles Akten stößt Eva Kor, die inzwischen als Immobilienmaklerin in den USA lebt, auf einen ehemaligen SS-Arzt, Hans Münch. Sie besucht ihn und Münch zeigt sich als Mann, der bereut. Zum 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz treffen sie sich wieder und Eva Kor vergibt ihm und all ihren Peinigern. Nicht um zu vergessen, sondern weil sie kein Opfer mehr sein: „Was ein Opfer tut, ändert nicht daran, was passiert ist.“ Jedes Opfer aber habe das Recht auf Heilung, sie selbst fühle sich unendlich erleichtert. Ein Tabubruch, andere Auschwitz-Überlebende kritisieren sie dafür bis heute. Dabei hat Eva Kor nur im besten Sinne egoistisch gehandelt: Sie wollte nicht länger zulassen, dass andere über ihren Seelenfrieden bestimmen. Erst seit diesem Tag hat sie ihre Freiheit endgültig zurückgewonnen. „Vergebung“, sagt sie heute, „ist ein Samen für Frieden.“

Mord durch Mord zu sühnen ist unmöglich.
Rache oder Sühne mögen eine Gier befriedigen,
aber den Frieden zu schaffen
oder die Menschheit
auf eine höhere Stufe zu heben,
das vermögen sie nicht.
Mahatma Gandhi in Harijan, 18.08.1946


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